Freitag, 6. November 2009

Somewhere over the rainbow.

Ich bin ja der festen Grundüberzeugung, dass sich allzu frühes Aufstehen nur in den seltensten Fällen wirklich lohnt. Heute Morgen war es mal wieder so weit! Als ich nach dem Frühstück den Schritt ins Freie – will heißen auf den Balkon tat, sah ich über dem Prenzlauer Berg einen nahezu perfekten Regenbogen. Ob seiner anmutigen Schönheit verschlug es mir einen Moment den Atem (ja, ich bin durchaus einfach zu begeistern), und ich dachte bei mir: Es ist Zeit für einen heiteren Eintrag in meinem virtuellen Tagebuch! Andererseits wäre das dann nicht mehr wirklich ich, denn wie ich als etwa 15jährige mal im Sportunterricht vom Schwebebalken fiel, so fällt es mir bis heute schwer, den Exzess zu meiden und die Balance zu halten.

In der dunklen Jahreszeit wird mir gern ein wenig schwer ums Herz, wenn ich all die beleuchteten Fenster sehe. Dahinter spielt sich also das Leben der anderen Menschen ab. Soso. Manchmal frage ich mich, wie es wäre, mit irgendwem zu tauschen. Ich stellte mir das als Kind schon oft vor, um dann beim bloßen Gedanken daran Panik zu bekommen. Was wenn es hinter all diesen Fenstern schlimmer war, als bei mir? Was wenn ich – einmal drinnen – nicht mehr dort rauskäme, und meine Eltern und Geschwister, die Freunde, den Hund und die Katzen niemals wieder sähe? Wenn ich sie nie gekannt hätte, würde ich sie wahrscheinlich nicht vermissen, klar, aber trotzdem müsste ich doch so etwas wie Leere empfinden, oder?

Dieses Jahr trifft mich der Herbst mit seiner bittersüßen Schwere besonders heftig. Erst war ich ein wenig verwundert darüber, dass mir die Melancholie mittlerweile scheinbar wirklich überall hin folgt, doch dann wurde mir bewusst, dass die Erklärung eine ganz Simple ist: Das hier ist mein erster "deutscher Herbst" seit 5 Jahren. Der Herbst in Spanien ist ziemlich anders: Vor allem kürzer. Später. Wärmer. Auch weniger nass. Mehr Licht. Es fehlt dafür ein wenig an Bäumen, und damit an den bunten Blättern auf dem Gehweg, durch die man so wundervoll hindurchrascheln kann. Dachte ich bis dato, dass der Frühling meine liebste Jahreszeit sei, so wurde ich doch in den letzten Wochen immer mehr ein Fan des Herbstes, und nach diesem morgendlichen Regenbogen werde ich mich nun um Aufnahme in den Herbstclub bemühen. Mein Tipp für dieses Wochenende? Waldspaziergang! Thermoskanne mit Glühwein nicht vergessen!

Dienstag, 3. November 2009

Finger weg von meiner Paranoia!

Vergangenen Freitag jährte sich meine Geburt mal wieder. Oft graut mir ein wenig vor meinem Geburtstag. Natürlich stehe ich gern im Mittelpunkt, schließlich bin ich ein Star, aber doch bitte nicht so offensichtlich! Zudem finde ich es ganz schrecklich, von jemand Wichtigem an diesem Tag vergessen zu werden, aber das geht wohl jedem so. Meine Erinnerungen sind in diesem Jahr nun besonders verschwommen, was mit dem bloßen Alter oder der Tatsache, dass es sich dieses Jahr um einen Freitag handelte, zusammenhängen mag und ich das lange Wochenende standesgemäß zwischen einem Heimsieg der Union, Young and Lost, Stadtrallye und Singstar im Wodka verbrachte. Ein paar gute Freunde, die mich schon recht lange kennen, schenkten mir dann auch eine qualitativ hochwertige Flasche dieses edlen Getränkes, über die ich mich sehr freute, was dann Anlass zu einer sehr interessanten Aussage gab, die ich als Kompliment auffasste: "Du bist das einzige Mädchen (sie sagten tatsächlich Mädchen! Das an sich lässt mich schon erröten, but then again…), dem man Schnaps zum Geburtstag schenken kann und das sich dann sogar ehrlich darüber freut." Und das ist tatsächlich so! Fraglich ist nur, ob das auch wirklich als Kompliment gemeint war...

Zur inneren Reinigung begaben wir uns der neuen Tradition der Herbstswanderungen folgend am Sonntag noch in den scheinbar zu jeder Jahreszeit ganz wundervollen Treptower Park. (Ein wenig handelte es sich dabei auch um eine etwas misslungene Geisteraustreibung, aber das nur nebenbei.) In der Stunde der Abenddämmerung kamen wir schließlich frierend am ehemaligen Kulturpark Plänterwald vorbei, während in der Ferne der Fernsehturm im Dunst verschwand. Das zusehends verwahrlosende Gelände des einstigen Freizeitparks mit seinen zugewachsenen Attraktionen, halbverfallenen Häusern, verblassenden Blütenträumen, nachhallendem Kinderlachen und dem gespenstisch in den Himmel ragenden Riesenrad lies uns das Grauen langsam den Rücken hinaufkriechen. Hätte uns eine Hexe Lebkuchen und Glühwein angeboten, wären Alligatoren aus der Spree gekrochen, wäre uns der Clown Pennywise begegent oder hätten die Dinosaurier an den verrosteten Zaun kommend die Geräusche des gegenüberliegenden Kraftwerks nachgeahmt, wir wären vielleicht noch nicht einmal allzu verwundert gewesen. So waren wir dann auch ganz froh, als wir mit von der Kälte roten Nasen im Baumschulenweg in die S8 steigen konnten, um den Restsonntag mit Leonardo DiCaprio und Pfefferminztee auf dem Sofa zu verbringen.

Gestern Morgen traf ich nun meinen Restverstand in der Beusselstraße Ecke Turmstraße. Er bedachte mich mit einem Blick zwischen Verachtung und Bitterkeit. Ich konnte ihm jedoch nicht lange direkt in die Augen schauen, und fixierte stattdessen einen Punkt in der Nähe seines Schlüsselbeins. Hinter dem Container für Altglas kam dann am frühen Abend auch noch meine Selbstachtung hervor, um mir nachträglich zum Geburtstag zu gratulieren und zu sagen, sie sei stolz auf mich. Ich lächelte kurz verlegen, doch irgendwie hatte ich das Gefühl, als würden die Blätter der Ahornbäume im Fallen leise kichern und wispern "Noch nie was von Ironie gehört, wie?"

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Here comes the fear again.

Was wenn keine Fußballmetapher? Real Madrid verlor gestern Abend mit 0:4 in der Copa del Rey gegen Alcorcón aus der Segunda B, was das spanische Äquivalent zu unserer 3. Liga ist. Das Kartenhaus, das mein aktuelles Leben darstellt, schwankte parallel dazu am gestrigen Tag auch recht bedenklich, und es ist wohl bei uns beiden noch nicht ganz klar, ob das nur ein kurzer Blick ins Dunkle unter der Oberfläche war, oder ob wir tatsächlich schweren, hässlichen Zeiten entgegen gehen.

Es ist erstaunlich, wie Menschen in Krisenmomenten oder bei Gefahr reagieren. Manche wachsen über sich hinaus, andere brechen zusammen, und ich bin das typische Kaninchen vor der Schlange - im ersten Moment wie gelähmt. Interessant ist in dem Zusammenhang die zweite Reaktion – also die nach der Schockstarre. Tränen sind als dramatisches Accessoire sicherlich nicht das Schlechteste, aber mir persönlich sind sie gern auch ein wenig peinlich, besonders, da mir ein dezentes Weinen nie vergönnt war. Ich gehöre eher zum Typ Rotz und Wasser, was natürlich gerade in der Öffentlichkeit eher unangenehm ist. Ich glaube, es sagt viel über den eigenen Charakter aus, wie man mit schwierigen Situationen umgeht. Oder eben nicht umgeht; Ignorieren verschafft Zeit, so viel Zeit, bis es zu spät ist.

Real Madrid bekommt eine 2. Chance; anders als im deutschen DFB Pokal gibt es nämlich in der Copa del Rey ein Rückspiel, in diesem Fall wird das im Santiago Bernabéu ausgetragen, was helfen kann, aber nicht muss. Andererseits ist die eigene Geschundenheit, sind die 3-4 Narben, die man mit sich rumschleppt, oft doch nur bloßes Dekorum, manchmal ist man nämlich leider doch nicht ganz so groß, wie die eigene Legende einen glauben macht. I don´t deserve a soul, yet I still have one. I know because it hurts.

Montag, 26. Oktober 2009

If I could wake up in a different place, at a different time, could I wake up as a different person?

Meine Lieblingsstelle bei Fight Club (in der Filmversion) ist, wenn der Erzähler (Edward Norton) den Einkaufswagen mit seinem Computer und dem ganzen Kram vor sich herschiebt, nachdem er sich selbst im Büro seines Chefs zusammengeschlagen hat. Dabei sieht er körperlich ganz schön mitgenommen aus, aber aus seinen Augen spricht der pure Triumph. Mein Lieblingssatz aus dem gleichen Film ist ganz am Ende, wenn der Erzähler zu Marla Singer sagt "You met me at a very strange time in my life.", während diese ganzen Bürogebäude in die Luft fliegen.

Anne sagte neulich, dass es Opfer und Täter gibt, und dass diese einander auf der Straße erkennen und sich quasi gegenseitig anziehen. Ich fand das einen ganz unglaublichen, verstörenden Satz, der mich aufgrund verschiedenster aktueller Ereignisse schon fast eine Woche nicht mehr loslässt. Ich denke, abgesehen von Opfern und Tätern gibt es sicher noch die graue Masse, die weder das Eine noch das Andere so richtig ist, dennoch komme ich nicht umhin, mich zu fragen, ob ich eher Opfer oder eher Täter bin. (Ich finde es übrigens fantastisch, mit dieser Art Frage zu arbeiten, das hört sich immer total Carry Bradshaw an… Wie dem auch sei.) Es gibt auch noch eine Menge anderer Punkte, die mich zu diesem Thema beschäftigen: Woran erkennen sie sich? An einem Blick? Chemie? Biologie? Biochemie vielleicht? Psychologie? Unsinn? Keine Ahnung, aber eine Sache lässt mich nicht los: Wird man direkt schon als Opfer oder eben als Täter geboren, oder macht einen erst "das Leben" dazu? Und wenn man erst dazu gemacht wird; kann man dann auch einfach wieder damit aufhören? Ich meine, liegt dem nicht-mehr-mitmachen eine bewusste Entscheidung zugrunde? Kann und muss man vielleicht sogar die Seiten wechseln? Oder ist man sowieso immer beides: Sowohl Opfer als auch Täter? Hat das alles etwas mit der Nahrungskette zu tun?

Boss: "Is that your blood?" Narrator: "Some of it, yeah."

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Kleines Solo

Nachdem wir am Montag (leider vergeblich) versucht hatten, Union in der Alten Försterei zu einem Heimsieg zu grölen, aber nebenher wenigstens ordentlich Bier getrunken, angestaute Emotionen rausgelassen und den Sektor 2 ästhetisch aufgemöbelt hatten, taten wir gestern Abend mal wieder so, als verstünden wir etwas von Kultur. Nach dem überaus erfolgreichen Goethe-Abend im Juni, hatten wir uns für den Sommer Erich Kästner vorgenommen. Dummerweise war die warme Jahreszeit schneller zu Ende, als wir gedacht hatten, so dass der vor allem durch seine Kinderbücher bekannte Dresdner bis gestern warten musste, ehe im Bauhaus ein paar seiner Gedichte vorgetragen werden konnten. Bei untenstehendem Werk wurde uns dann aber klar, dass der Herbst wahrscheinlich eh die beste Zeit für dieses Unterfangen ist, denn uns wurde innerlich mindestens so kalt, wie es draußen eh schon war:

Kleines Solo
Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.

Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Mußt erfahren,
daß es nicht die Liebe ist...
Bist sogar im Kuß alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Montag, 19. Oktober 2009

(I believe in) travellin' light.

Familie. Regen. Pfützen. Kaffee. Freunde. Gore Tex. Kings of Convenience. Bunte Blätter. Gummistiefel. Kastanien. Pilze. Hunde. Mittagessen. Franz Ferdinand. Äpfel. Wind. Knoten in den Haaren. Wald. Ausschlafen. Kuchen. Gelächter. Katzen. Beatles. Tagebücher. Altbekanntes. Autofahren. Aus der Entfernung Verwirrendes. Seufzen. Schultern hochziehen. Nasse Füße. The Smiths. Gedankenkreisel. Kinderfotos. Astern. Playstation. Becks. Einblicke. Ausblicke. Kapuzen. Tanzen. Gartenzäune. Fassaden. Kopfschütteln. Wachliegen. Willkommen und Abschied.

Ein Wochenende in der Provinz. Ein Wochenende auf einem anderen Planeten. Manchmal sieht von Weitem alles leichter und irgendwie klarer aus. Manchmal nicht.

Freitag, 16. Oktober 2009

Fragmente einer Selbsttäuschung

In letzter Zeit ist es oft schon dunkel, wenn ich abends nach Hause komme. Aufgrund sehr widriger Umstände, die nichts aber auch GAR NICHTS mit angeborenem Ungeschick oder gar Faulheit zu tun haben, beleuchte ich meine Wohnung immer noch mit Steh- und Bodenlampen, was im Sommer kein Problem war. Jetzt wäre es auch übertrieben, es ein Problem zu nennen, nur manchmal ist es ein wenig unpraktisch, weil ich mich nun meist zunächst mit einer mir leider nicht eigenen traumwandlerischen Präzision zur Lampe im Wohnzimmer bewegen muss, um sehen zu können, ob in meiner Abwesenheit eventuell eingebrochen wurde oder die Katze die Möbel zerkratzt hat. Weil ich Angst im Dunkeln habe, rufe ich abends nun oftmals ein "Hallo Schatz, ich bin zurück." in den Raum. Anschließend kichere ich kopfschüttelnd ein wenig vor mich hin, mache das Licht an, hole mir ein Bier aus dem Zweitkühlschrank, höre überlaut Musik aus den 90ern und rauche eine Zigarette auf dem Balkon. Das Leben ist schön, man muss sich halt auch an kleinen Dingen freuen können.