Freitag, 13. August 2010

Zusammenstoß im Treppenhaus mit Donnerstag.

Erstaunlicherweise ist Licht im Treppenhaus, als ich die Haustür aufschließe und die Stufen im Bauhaus hinaufstolpere. Zwischen 2. und 3. Stockwerk erlischt selbiges aber. Na toll. Mit einem Grummeln schiebe ich mich, den rechten Arm an der kalten Wand, nach oben, und stoße auf den Absatz zwischen beiden Etagen mit Donnerstag zusammen.

U.: Huch! Verdammt, hab ich mich erschreckt! Was machst Du denn hier?
D.: Ich hab mich gelangweilt, und dachte, ich besuche mal Deine Nachbarn. Wo kommst Du denn jetzt erst her?
U. (unwirsch): Von draußen. Meine Nachbarn schlafen um die Zeit eh, an Deiner Stelle hätte ich mir eine Alf-DVD eingelegt. Was ist hier eigentlich los, warum gammelt Ihr zur Zeit eigentlich so viel bei mir rum?
D. (seufzt): Du weißt offensichtlich nur sehr wenig über Deine Nachbarn. Und dass Du tatsächlich auf Alf und diesen ganzen anderen Scheiß aus den 90ern stehst, ist wirklich erstaunlich, fast schon enttäuschend.
U. (ungeduldig): Was ist denn daran erstaunlich? Ich bin ein Kind der 90er! Außerdem beantwortet das meine Frage nicht.
D.: Jaja, früher war alles besser und so. Da war auch das Bier billiger.
U.: Meine Rede. Viel schlimmer sind aber die Schnapspreise.
D. (plötzlich lebhaft, mich unterbrechend): …vor allem auf Konzerten! Hast Du Dir mal überlegt, Wodka in ZIP-Beutel zu füllen und Dir an den Körper zu binden und so reinzuschmuggeln?
U.: Wozu? Aus dem Alter bin ich außerdem raus.
D. (überlegener Unterton): Na gerade für diese komischen Festivals, auf die Du immer gehst, ist das doch DIE Idee. Das Zeug mischst Du dann mit Fanta et voilà.
U.: Ich wusste gar nicht, dass Du Französisch sprichst.
D.: Deine Spitzfindigkeiten kannst Du Dir sparen.
U.: Ja gut, ich denke mal drüber nach.
D.: Solltest Du.
U. (seufze):Ok, sind wir fertig? Kann ich ins Bett gehen.
D.: Ich dachte, Du lädst mich noch auf eine Kippe ein.
U.: Alle. Außerdem können wir hier im Treppenhaus nicht rauchen, das ist Weltkulturerbe!
D.: Verzeih! Du hast recht. Es wird eh Zeit. Sag Freitag schöne Grüße!
U.: Wa…???

Und schon ist er verschwunden, ich bleibe mit offenem Mund zurück. Immerhin haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und ich bewege mich jetzt mit mehr Sicherheit zu meiner Wohnungstür. Ich schließe auf. Die Kühlschranktür ist offen, Freitag steht im Bad und schminkt sich die Augen.

U.: Emo ist out. Und stell die Musik leiser.

Mittwoch, 11. August 2010

Balkongespräch mit Dienstag.

Ich radle in Windeseile nach Hause, hole mir Apfelsaft aus dem Kühlschrank, durchquere meine Wohnung, schalte nebenher ein paar Lampen und die Musik an (Belle & Sebastian – Tigermilk, das war lange nicht), und trete auf den Balkon um die letzte Zigarette des Tages zu rauchen. Zu meiner Überraschung sitzt der Dienstag auf einem der Stühle und schaut mich fast erleichtert an.

Dienstag – in der Folge D.: Oh, ich dachte schon, wir würden uns verpassen. Ne halbe Stunde später, und wir hätten uns nicht mehr unterhalten können.
Ich – in der Folge U. (mit Blick auf die Uhr, einen der anderen Stühle besetzend): Stimmt, war denkbar knapp. Was machst Du überhaupt hier, hast Du nichts besseres zu tun?
D. (seufzt): Sag Du´s mir!
U.: Nun, Russland brennt ab, Pakistan ertrinkt, irgendwo wird bestimmt gerade ne Galerie eröffnet und bei McDonalds gibt´s den Cheeseburger für 1€, ich denke, Du hättest was zu tun finden können.
D.: Wenn Du so willst, sicher, aber ich mag die Ruhe auf Deinem Balkon, außerdem hast Du neuerdings so was Ausgeglichenes.

In dem Moment fährt die M2 ratternd die Prenzlauer Allee entlang.

U. (eine Augenbraue hochziehend): Ach ja, die Ruhe, fast hätte ich sie nicht erkannt. Genau wie diese Ausgeglichenheit, von der Du sprichst, das täuscht, aber trotzdem danke.
D.: Wie fandest Du mich heute?
U.: Hm. Schwer zu sagen. Du hättest besser starten können, dass man gegen halb 7 angefangen hat, unter meinem Schlafzimmerfenster den Rasen zu mähen und ich nicht frei hatte, war hart, aber schließlich hast Du Dich schon noch ganz ordentlich ins Zeug gelegt. Ich sag mal ne 2-, ist das ok?
D.: Hm, akzeptabel. Sag mal, wenn Du so vor Dich hinschreibst, findest Du nicht, dass das alles zu autobiographisch ist.
U.: Tiefschlag, mein Lieber, damit wird´s jetzt ne 3+ aber ok, ich lese gerade Kurzgeschichten von Boyd, und in der Einleitung sagt er, dass junge Autoren gern erstmal autobiographisch schreiben, es sei denn, sie sind wirklich brillant.
D.: Was sagt uns das über Dich? Brillant bist Du bestimmt nicht, aber so richtig jung auch nicht mehr.
U.: Bist Du nachtragend oder einfach generell feindselig? Ich dachte, Du wolltest mir etwas erzählen.
D.: Verzeih, als Dienstag steht man einfach enorm unter Druck. Ich fand die Geschichte mit dem Loslassen und dem Tod neulich gut.
U.: Was fandest Du denn daran gut, das war doch alles Hippie-Scheiß!
D.: Vielleicht, aber es machte Dich plötzlich so weich, als hätte man Dich ausschließlich in Pastellfarben gemalt.
U.: Wie lange haben wir eigentlich noch?
D.: Mist, in nichtmal 5 Minuten bin ich Geschichte. Mach´s gut.
U.: Ja, viel Glück! Und so.

Ich gehe kopfschüttelnd nach drinnen, wasche mir das Gesicht, und als ich zähneputzend zurück ins Wohnzimmer komme, sitzt der Mittwoch auf dem Sofa, schaut mich herausfordernd an und….

M: Wenn Du vorhast, mit mir zu reden, musst Du auf jedem Fall die Zahnbürste aus dem Mund nehmen, außerdem kleckerst Du alles voll!

Hat man denn nie seine Ruhe?

Freitag, 6. August 2010

We can be heroes, just for one day.

Eine meiner tiefergehenden Ängste ist, dass ich irgendwann durch einen Schuss in den Rücken verletzt oder sogar getötet werde. Natürlich ist das absurd, wie soll ein bürgerlicher Kontrollfreak wie ich, der noch dazu einem langweiligen, bedeutungslosen Bürojob nachgeht und in einem ruhigen Viertel wohnt, in eine derartige Lage geraten? Man weiß es nicht, jedenfalls rechne ich in den alltäglichsten Situationen immer mit dem Schlimmsten, nämlich einem plötzlichen stechenden Schmerz in Rücken und Brust (die Kugel wird aus solcher Nähe abgefeuert, dass sie natürlich meinen Körper durchquert), schließlich die Wunde, aus der Blut sickert, das ich, indem ich beide Hände dagegen drücke, aufzuhalten versuche, was aber nicht ausreicht, woraufhin ich mit gequältem Blick und einem stummen Schrei auf den Lippen zusammenbreche etc. Man kennt das ja aus dem Fernsehen, hat die Bilder vor Augen. Wie komme ich nur darauf? Es ist ja nicht so, dass es Spaß machen würde, bei meinen Spaziergängen jeden dritten Passanten, der auf einer Bank sitzt, als zwielichtig einzustufen, zu verkrampfen, und zu hoffen, dass das letzte Stündlein noch nicht geschlagen hat. Nein, nicht jetzt, nicht hier auf diesem dreckigen Fußweg in Moabit, nicht heute, an diesem belanglosen Mittwoch, dessen Höhepunkt eine kalte Apfelsaftschorle gegen 11:15 war, nein, bitte nicht, ich hatte doch noch so viel vor mit meinem Leben. Was genau? Keine Ahnung, aber auf jeden Fall... eine Menge!

Wenn ich mir eine Superheldenkraft aussuchen könnte, dann wäre das somit vielleicht zwangsläufig die Gabe der Vorhersehung, um den Kugeln im Fall der Fälle ausweichen zu können. Andererseits wäre eine solche Fähigkeit sicherlich irgendwie auch lästig, man hätte ja den ganzen Tag damit zu tun, schreckliche Ereignisse abzuwenden. Dann doch lieber Gedankenlesen, wobei es einem unter Umständen den letzten Rest Selbstbewusstsein raubt, wenn man wüsste, was die Anderen wirklich über einen denken, noch dazu müsste man den ganzen Blödsinn, der in den Köpfen Umstehender vorgeht ertragen, nein nein! Was also? Durch Wände gehen? Unsichtbar sein oder fliegen, Laserstrahlen aus den Augen abfeuern können? Eine scheinbar kindische Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. Falls ich am Wochenende neben meiner neuen Leidenschaft (der Gitarre natürlich!) dazu komme, werde ich in mich gehen und darüber nachdenken. Und dann heißt es wieder, ich würde den großen Fragen ausweichen, und mich mit Unsinn beschäftigen, pffffff!!!!!

Schönes Wochenende Euch, Prinzen und Prinzessinnen!

Mittwoch, 4. August 2010

Sommerloch?

Welt, atme auf, ich habe mir eine Gitarre zugelegt! Während unseres Tagesausfluges nach Brighton (siehe 2 Einträge weiter unten) hielt ich auf einem Flohmarkt (nacheinander, nicht gleichzeitig) mehrere Gitarren in den Händen, was sich einfach großartig anfühlte. Wenn ich meinen lieben Eltern eine Sache übel nehme, dann dass sie mich als Kind nicht gezwungen haben, ein Instrument zu erlernen. Kann sein, dass es dazu jetzt recht spät ist, erst neulich sagte mir ein Auskenner, mein Alter spräche eher gegen mich, aber ich will mich nicht entmutigen lassen, also haben Jördis und ich uns vorgenommen, uns an Weihnachten jeweils ein Lied auf der Gitarre vorzuspielen. Zu allem Überfluss werden wir uns sicher selbst auch noch singend begleiten – nur gut, dass man an den Feiertagen generell ein wenig nachsichtiger und / oder eh ständig betrunken ist. Jördis wird ein Lied von Hefner vortragen (welches habe ich im Zuge eines sonntäglichen Ausfluges in den Pfeffi leider vergessen), ich habe mir "Music when the lights go out" von den Libertines (wird meine Peter Doherty Verehrung eigentlich langsam wunderlich?) ausgesucht, wobei ich noch lernen muss, parallel zu rauchen und zu spielen (und zu singen!), was als verschärfte Schwierigkeit angesehen werden kann.

Ganz generell hatte ich kürzlich übrigens festgestellt, dass ich es in letzter Zeit hier ein wenig an neuen Konzepten und Schnapsideen mangeln lasse – man könnte fast meinen, ich sei seriös geworden. Mitnichten! Man kommt halt einfach zu nichts, grad im Sommer! Gestern dachte ich zwischen Tür und Angel darüber nach, dass ich mich seit Ewigkeiten nur noch von Fertiggerichten ernähre, oder direkt außer Haus esse. Ich hatte mir das Leben, in dem nur noch Zeit für Fast Food bleibt, irgendwie glitzernder vorgestellt. Das ist wie damals, als ich eines Freitagnachts in einer Wohnung im nordspanischen Nichts dem traurigen Schauspiel beiwohnen musste, wie Menschen in Pyjamas und Plüschhausschuhen mit lustigen Tiergesichtern Kokain konsumierten. Ab da hatte alles, was "zur Nase reingeht" jeden Glamour für mich verloren. Das hat aber sicher auch sein Gutes, denn nur so konnte ich es klaren Kopfes bis zur Gitarre a.k.a. meiner neuen fixen Idee schaffen.

Et voilà: Bogen gespannt – Eintrag zu Ende!

Samstag, 24. Juli 2010

Es regnet und wieder nichts getan.

Ich fahre den alten Audi A4 meines Bruders durch die verregnete Freitagnacht. Man könnte meinen, dass es im Grunde nichts zur Sache tut, um welches Fahrzeugmodell es sich handelt, aber das tut es sehr wohl, denn der A4 ist um ein Vielfaches schwerer als mein kleiner, hässlicher Mazda, so dass sich das Fahren nicht nur aufgrund der Witterungsverhältnisse schwieriger gestaltet als unter normalen Umständen. Ich habe Erik gerade bei Freunden abgeliefert, und fahre durch eines dieser ostdeutschen Dörfer, in denen man von Haus zu Haus gehen will, um den Menschen mitzuteilen, dass der Krieg zu Ende ist. Ich bin hunderte Male mit dem Bus durch diesen Ort gefahren, und zwar, als ich noch Buskind war, und nach Eisenberg aufs Gymnasium ging. Es legt sich mir wieder eine gewisse Schwere in die Nähe des Herzens, die ich versuche abzuschütteln, als ich fast einen - man kann es nicht richtig erkennen - Dachs, Fuchs oder Waschbären (heutzutage muss man auf diesen Landstraßen wirklich mit jedem seltsamen Vieh rechnen, wundert mich, dass man noch keine Wölfe in Thüringen gesichtet hat, aber wahrscheinlich sind die alle in Brandenburg) überfahre, und an die Zeichentrickserie "Als die Tiere den Wald verließen" denken muss, was mich kurz zum Lachen bringt. Wobei es sich natürlich um eine nicht ganz tragikfreie Sendung handelte, ich erinnere mich mit Schrecken an die Folge, in der das sympathische Igelpärchen überfahren wird.

Noch 2km bis zu dem Platz, den ich einst "zu Hause" nannte, wobei ich das manchmal immer noch tue. Vielleicht ist dieses Coupland-Lesen auf Dauer nicht förderlich für meine geistige Gesundheit und Ausgeglichenheit, ich frage mich nämlich, welchen Unterschied es eigentlich machen würde, wenn man nicht ständig über "das Leben" und den Sinn desselben nachdenken würde. Wahrscheinlich gar keinen. Am Ende wird jedenfalls gestorben, und wenn das in der Nähe geschieht, haut es einen dann doch regelmässig um.

In diesem Sinne:

"Time ticks by; we grow older. Before we know it, too much time has passed and we've missed the chance to have had other people hurt us. To a younger me this sounded like luck; to an older me this sounds like a quiet tragedy."

- Douglas Coupland, Life After God

Donnerstag, 15. Juli 2010

Down in Albion.

Manchmal kommt man in eine Stadt, in der man ein Stück von sich selbst wiederfindet. Schon vor der eigentlichen Ankunft weiß man, dass man diesen Ort mögen wird: Ein Tagesausflug nach Brighton.
Mein zweites (besseres) Ich M. und ich besteigen am Dienstagvormittag in Victoria Station den Zug in Richtung Süden. Nach nur einer Stunde Fahrt, die mit lautem Geschnatter beginnt, welches dann durch das Geruckel der Waggons in dösiges Tagträumen umkippt, kommen wir in Brighton an. M. sagt mit unglaublicher Präzesion das Wetter voraus - die ursprüngliche Idee, Meterologie zu studieren, war vielleicht doch nicht ganz so unsinnig, immerhin scheint Sie über ein natürliches Talent zu verfügen, oder sie besitzt sogar die Gabe der Vorhersehung. Brighton ist ein liebliches Städtchen, in dem man wohl soetwas wie Vergangenheit atmet, im Vergleich zu London geschieht zumindest alles in Zeitlupe. Der Glanz längst vergangener, besserer Tage scheint irgendwie abzublättern, und heute prügeln sich wohl auch eher selten Mods mit Rockern in den Straßen. Gegenüber des Brighton Pier kann man für nur 30 Pfund im Hotel Albion übernachten, ich halte nach Pete Doherty Ausschau, kann ihn aber nirgends sehen - auch nicht auf einem der Karusells aus dem vorletzten Jahrhundert oder im Pub des Albion, wo ich ihn noch am ehesten vermutet hätte. Nach einem kurzen Schauer, den wir mit Fish & Chips überbrücken, wird der Nachmittag am Strand sonnig und cider. Wir blicken aufs Meer mit dem abgebrannten, alten Pier, welches ein Gefühl der Wehmut ob der Macht aller Vergänglichkeit in uns auslöst, hinaus. Seufzen. Über uns kreischen die Möwen, wenige Meter entfernt braust die Nordsee, in die sich unverzagte Briten ohne jede Scheu hineinwagen, während ich froh über meine Kapuzenjacke und die geschlossenen Schuhe bin. Glück. Ein Steinstrand hat eine Menge Vorteile, besonders, wenn man leere Plastikbecher zur Verfügung hat. Lachen. Die Zeit vergeht wie im Flug, und irgendwann müssen wir dann doch aufbrechen und in die Gegenwart zurückreisen.
Ein Tag am Meer mit einer Seelenverwandten. Es kann so einfach sein.

Freitag, 9. Juli 2010

Sometimes the sky's too bright.

Es ist also Mittwoch, genau genommen Donnerstag, denn schließlich ist es 1 Uhr nachts. Ich bleibe trotzdem bei Mittwoch – der Tag ist nämlich immer erst dann zu Ende, wenn man sich schlafen legt (genauso wie das erste Essen, das man zu sich nimmt, immer "Frühstück" heißt.) Aus diesem Grund gibt es ja auch Tage, die 36 Stunden lang sind, und andere, die es nur auf wenige Stunden bringen. Damit wäre bewiesen: Zeit ist relativ. Hätte man alles einfacher haben können, würde eventuell jetzt aber auch zu weit führen, hier noch intensiver ins Detail zu gehen. Mittwochnacht also, und man sitzt bei lauen Temperaturen auf einem sehr großen Klettergerüst in Mitte und feiert Geburtstag. Zuvor hat man, auch aber nicht ausschließlich bedingt durch frustrierende (Fußball-)Umstände, unvorsichtigerweise durcheinandergetrunken und im Anschluss wird man sich im Jahn-Sportpark mit dem Rad verfahren, nur um noch später (vielleicht auch schon währenddessen) gleichzeitig die bezauberndste als auch verabscheuungswürdigste Version seiner selbst zu sein. Gut und Böse liegen gar nicht so weit auseinander.

Als ich noch (sehr viel) jünger war, dachte ich immer, Zucker sei das Gegenteil von Salz. Dann sah ich meine Mutter einen Salat mit Zucker UND Salz würzen, und musste die vorherige Annahme revidieren – so absurd mir das erschien, in der Küche täuscht sich die Mutti selten. Etwas später, und über einen langen Zeitraum hinweg, ging ich fest davon aus, Liebe sei das Gegenteil von Hass. Irgendwann wurde mir dann aber bewusst, dass das Gegenteil von Liebe Gleichgültigkeit sein muss, denn wo noch Gefühle sind, und seien es nur Negative, da gibt es einen winzigen Schimmer Hoffnung, aber wenn nichts mehr da ist, kann man eigentlich auch das Licht ausmachen.

Apropos "das Licht ausmachen" (und so wird doch wieder ein Schuh draus, es ist ganz und gar unfassbar, wie gut ich das kann…): Aus aktuellem Anlass beschäftige ich mich derzeit ein wenig mit Autoren, die einen (übermäßigen?) Hang zum Alkohol hatten. Vor Monaten sah ich dazu auch eine hochinteressante Reportage auf 3Sat. Nichts gegen Faulkner, Bukowski, Kerouac, Capote und wie sie alle heißen, ich glaube, am meisten mag ich Dylan Thomas (sehr beeindruckend auch S., dass Du sofort Bescheid wusstest, wo ich nur vage Angaben, wie "er trank viel und war Waliser" machen konnte), diese ganz gezielte Selbstzerstörung ist einfach faszinierend! Jedenfalls, und bevor ich jetzt gleich in den Urlaub entschwinde, noch Folgendes:

SOMETIMES THE SKY'S TOO BRIGHT

Sometimes the sky's too bright,
Or has too many clouds or birds,
And far away's too sharp a sun
To nourish thinking of him.
Why is my hand too blunt
To cut in front of me
My horrid images for me,
Of over-fruitful smiles,
The weightless touching of the lip
I wish to know
I cannot lift, but can,
The creature with the angel's face
Who tells me hurt,
And sees my body go
Down into misery?
No stopping. Put the smile
Where tears have come to dry.
The angel's hurt is left;
His telling burns.

Sometimes a woman's heart has salt,
Or too much blood;
I tear her breast,
And see the blood is mine,
Flowing from her, but mine,
And then I think
Perhaps the sky's too bright;
And watch my hand,
But do not follow it,
And feel the pain it gives,
But do not ache.