Wir gehen also ins Kino und schauen uns "Oh Boy"
an. Es erstaunt mich ein wenig, wie viele Leute Montags ins Kino gehen,
andererseits bin ich aber auch dort. Na gut, was heißt das schon? Der Film gefällt
uns jedenfalls sehr. Am Ende wird ein schönes Lied von Get Well Soon gespielt. Wir
gehen dann raus und essen in der Danziger Straße je noch eine Currywurst und teilen
uns unter Drein einmal Pommes Schranke. Wie jedes Mal wird mir kurz nach dem
Currywurstverzehr übel, das könnte ich mir vielleicht mal merken – als gebürtige
Thüringerin sollte ich minderwertige Wurstwaren eben einfach meiden. Aber noch ist
es nicht so weit. Noch sitzen wir im Fenster des Currywurstladens, schauen nach
draußen, stopfen uns mit fettigem Kram voll, werfen uns Gesprächsfetzen zu und
seufzen ein wenig. Fast wirkt Berlin wie die gemächliche, langsame Großstadt,
als die sie in "Oh Boy" meistens erscheint. Und man ist keine 21 mehr, Tom
Schilling als Protagonist (Niko) glücklicherweise auch nicht. Anhand von
Selbstversuchen konnte herausgefunden werden, dass die Kater seit einer Weile
von Sonntagmorgen bis mindestens Dienstagabend dauern, aber wenn sie es wert sind,
geht das ja auch in Ordnung. Irgendwie. "Oh Boy" jedenfalls sei eine Tragikomödie,
heißt es, und das kann gut sein, denn: "Kennst du das Gefühl, dass dir die
Leute um dich herum merkwürdig erscheinen? Und je länger du darüber nachdenkst,
desto klarer wird dir, dass nicht die Leute, sondern du selbst das Problem
bist?". Stimmt. Es ist schon komisch – und dabei in seinen beiden Bedeutungen von
wegen "seltsam" aber auch "lustig" zu gebrauchen, was ziemlich viel wert ist, wie
ich finde. Erstaunlicherweise hat mich der Film jetzt trotz seiner schwarz-weißen
Melancholie keineswegs traurig gemacht, vielmehr löste er eine
wunderlich-fröhliche Beschwingtheit aus. Es ist ja alles gut im Grunde... oder doch nur wieder
LSD im Leitungswasser?
Dienstag, 13. November 2012
Dienstag, 6. November 2012
Bereit sein, ist alles.
Natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen –
der Herbst ist da. Traditionell ist er gekommen, um ein Stück zu bleiben und sich
dann in den unsäglichen Winter zu verwandeln. Dafür muss man jetzt nicht hellsehen
können. Erfahrungswerte, mir macht der doch nichts vor, knickknack. Und ja, gut
schaut er manchmal aus, mit diesen ganzen bunten Blättern, die es bei ein paar
Windstößen von den Bäumen schneien lässt, dem ab und an ganz klaren Himmel, den
spektakulären Sonnenuntergängen und selbst den Regenwänden am Horizont, aber
natürlich kann er mich nicht täuschen, denn im Gepäck hat er das Ableben dieses
Jahres – was andererseits vielleicht auch gar nicht so schlimm ist. So gesehen.
Die 15Uhr-Nachmittagssonne jedenfalls (wenn sie denn sich blicken lässt) erweckt
den Eindruck von Kurzvordämmerung und ein Frösteln kriecht mir regelmäßig den
Rücken hoch, wenn kurz darauf die Dunkelheit über uns hereinbricht. In der
Hamlet-Inszenierung an der Schaubühne gibt es zum Fechtkampf am Ende des
Stückes zwischen Hamlet und Laertes eine Szene, in der Lars Eidinger als Hamlet
mit einer Plastikgabel dem degenbewaffneten Laertes gegenübersteht. So fühle
ich mich manchmal ob des drohenden Berliner Winters – am Ende (Achtung
Spoiler!) gehen bekanntermaßen beide drauf. Vielleicht war das jetzt auch eine
schlechte Metapher. Naja, sei’s drum.
Ich war jetzt binnen kürzester Zeit mehrfach
indisch essen, manchmal sogar allein, was für mich einiges heißen will. Im
Urlaub hatte ich von Thomas Glavinic "Das bin ja ich" gelesen, was
ausgesprochen amüsant und kurzweilig war, wobei unterm Strich vor allem
hängengeblieben ist, dass er ständig am Wiener Naschmarkt zum Inder essen geht
und dass er (zu?) viel trinkt. Mir fehlt jetzt eigentlich nur noch der
Bestseller. Und der Naschmarkt. Abgesehen davon nahm ich den wunderbaren Satz: "Ich
bin ein friedfertiger Mensch, aber auch ein Knecht meiner Idiosynkrasien." mit.
Sieh Dich also vor, Winter!
Freitag, 12. Oktober 2012
Alles in allem.
J. berichtet mir von einer Studie der TU, die
sich mit Frauen zwischen 30 und 40 und dem, was man gemeinhin "Karriere" nennt,
befasst. Mit einem leichten Schrecken wird mir bewusst, dass ich ja auch eine "Frau zwischen 30 und 40" bin, wobei das was ich tue wohl nur mit viel gutem
Willen und einiger Nachsicht als "Karriere" bezeichnet werden kann. Man kennt
das ja; viele Dinge werden einem erst klar, wenn man sie formuliert. Obgleich
ich im Grunde keine Probleme mit dem Älterwerden habe, dachte ich doch früher immer,
dieses Leben würde irgendwann damit aufhören, sich ständig so provisorisch
anzufühlen.
Eine Anekdote, denn tatsächlich hält man mich oft
für deutlich jünger als ich bin. Erst kürzlich wurde ich beim Zigarettenkauf
nach meinem Ausweis gefragt, wobei das – zugegeben – an einer Tankstelle geschah,
an der ich auch den vollen Tank bezahlen wollte und wo die Frage "Haben Sie die
Zeit?" nach einer erstaunlich langen Denkpause fast mit "19:47" beantwortet
wurde, was nahelegt, die Tankstellenangestellte vielleicht nicht ganz für voll
zu nehmen. Außerdem ist die Außenmeinung in diesem Fall Tand, man kann Andere
vielleicht mit klarer Haut narren, selbst weiß man jedoch (meistens), welches
Geburtsjahr im Ausweis steht. Auf dem Ohr, wo die biologische Uhr tickt,
scheine ich glücklicherweise ziemlich schwerhörig zu sein, nichtsdestoweniger macht
der Hedonismus manchmal Pause und dann fragt man sich schon, ob ein wenig Ernsthaftigkeit
hin und wieder nicht doch angebracht wäre. Für die Frage nach dem Sinn gibt es
ja eine Menge möglicher Antworten. Die bereits angesprochene Biologie hat da
wahrscheinlich ein paar einleuchtende Argumente auf Tasche, aber ich halte es
für eine Ausrede und für zu kurz gedacht, dass der Mensch des Menschen Wolf sei,
und will auch nicht recht daran glauben. Es kann helfen, (oder auch nicht), Simone
de Beauvoir zu lesen (hier jetzt auch der Bogen zu Frauen und Karriere, falls
Sie sich bereits fragten, was das nun wieder soll). Seit der Lektüre einer
Doppelbiographie zu ihr und Jean-Paul Sartre verehre ich Simone de Beauvoir
tief. Sie hat neben Romanen und Schriften zum Feminismus auch in 5 Bänden ihre
Memoiren veröffentlicht und ich lese gerade "Alles in allem", was der vorletzte
Band ist und ihre Jahre von 1962 – 1972 beschreibt und in dem es auch hin und
wieder um diese komischen Sinn geht. Ich halte es ja gern mit Miller, der
meinte, der Grund, dass wir dem Leben ständig einen Sinn geben müssen, ist dass
es offensichtlich keinen hat. Wenn der Hedonismus Pause macht, gehe ich ab
jetzt vielleicht aber doch mit Simone, die zusammengefasst meint, dass alles,
was uns schön, wichtig und rein erscheint als Sinn herhalten kann, Boshaftigkeit
wird reduziert auf ein Fehlen von Phantasie.
"Während wir hier sitzen, angeln manche
Leute." dachte Henri. Er machte sich nichts aus Angeln, aber die anderen,
die es liebten: Was hatten die für ein Glück.
Dienstag, 11. September 2012
Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt.
Ich gehe erstmals seit 8 Jahren zum Zahnarzt. Es
ist jämmerlich, unwürdig und auch ein wenig traurig, vor allem aber geht es so nicht
weiter. Ich ertrage keine körperlichen Schmerzen. Also GAR KEINE. Den Höhepunkt
des Leidens stellt der Zahnarzt dar, wobei der Gedanke ans Blutabnehmen auch
schon das blanke Grauen auslöst. Die Aussicht, zum Zahnarzt gehen zu müssen,
erscheint mir fast schlimmer, als die Aussicht auf den leibhaftigen Tod! Und
ich gehe ja auch nur hin, weil die Angst vor dem Arzt mittlerweile kleiner ist,
als der Schmerz in meiner rechten oberen Kauleiste, und das liegt nicht daran,
dass die Angst kleiner geworden ist. Mitnichten! Wenn man sich jedoch vor
Schmerzen gekrümmt auf dem Badvorleger wiederfindet, ist es wirklich Zeit,
etwas zu unternehmen.
Der eigentlich Termin stellt sich dann natürlich
als viel weniger dramatisch heraus, als ich es mir in einer schlaflosen Nacht
voll blutiger Horrorvorstellungen ausgemalt hatte. Scheinbar hat sich in den
letzten 20 Jahren im Bereich der Dentaltechnik doch einiges getan. Ich hab
keine schlechten Zähne, ich hatte nur als Kind mal eine schlechte Zahnärztin,
die wohl maßgeblich für meine Angst verantwortlich zeichnen muss. Und natürlich
liegt es auch nicht an mir, wenn (gefühlt?) 135 Jahre alte Amalgamfüllungen
irgendwann ihren Dienst quittieren. Mitten in der Behandlung fängt der Arzt an,
mich zu duzen, und ich glaube zu sehen, wie er und die Sprechstundenhilfe ein
wenig lachen, als meine rechte Gesichtshälfte von der Betäubung gelähmt
beginnt, (gefühlt?) ein wenig nach unten zu hängen, was mich nicht davon abhalten kann, weiterhin jeden kleinen Schritt der Untersuchung zu hinterfragen. Als alles vorbei ist, gebe
ich den Anwesenden überschwänglich die Hand und bedanke mich aufs innigste. Ich
trete voller Stolz auf die abendliche Straße, die mir schöner erscheint, als
jemals zuvor, und dabei fühle ich mich wie die Heldin, die lebendig aus einer eigentlich aussichtslosen
Schlacht zurückkehrt. Ich würde eine Zigarette rauchen, aber der betäubte Mund
macht es mir unmöglich, den Zug zu entwickeln, um überhaupt eine zu entzünden. Also bleibt nichts als seufzen und
die Freude an diesem wunderbarsten aller Gefühle: Wenn der Schmerz endlich
nachlässt.
Dienstag, 28. August 2012
....und einsehen zum Schluss, dass man weiter machen muss.
August, dieser melancholische Monat. Wer aufmerksam
ist, bemerkt schon seit Wochen, wie alles Ende atmet. Die Tage sind nun merklich
kürzer, die ersten Bäume verlieren ihre Blätter, wenn man aufs oder durchs Land
fährt, riecht es nach Ernte und sieht auch so aus. Überall Strohballen. Das
Licht fällt in einem schrägeren Winkel durch die Balkontür nach drinnen und
malt fast vergessene Schatten an die Wand und für die Morgenzigarette setze
ich mir nun manchmal die Kapuze auf. Ich dachte, ich würde mich immer im August
so erschöpft fühlen, aber tatsächlich fühle ich mich dieses Jahr schon die
ganze Zeit erschöpft.
Am Sonntag waren wir in Hamburg. Hamburg, bekannt
von wegen Hamburg meine Perle, oder auch gefürchtet aufgrund des verdammten Hamburger
Fluches. Hängt davon ab, von welcher Seite aus man drauf schaut, zugegeben. Am
Sonntag jedenfalls kein Hauch von Fluch. Schön! Am Montag nahmen wir dann den
ersten Zug zurück nach Berlin. Der geht fahrplanmäßig um 7:06, was ziemlich
zeitig ist. Vorausschauend und realistisch, wie ich mittlerweile bin, hatte ich mir den
gestrigen Tag freigenommen. Für mich gibt es fast nichts Schöneres auf der
Welt, als mich vormittags oder mittags ins Bett zu legen – vor allem, wenn ich erschöpft
aber nüchtern und nicht allzu durcheinander bin. Das kommt mir sehr
anarchistisch vor, als würde ich endlich einmal der Zeit und den damit
zusammenhängenden bürgerlichen Regeln und Gepflogenheiten ein Schnippchen
schlagen. So krabbelte ich also unter die Decke und seufzte (da ich keine Katze
bin, konnte ich nicht schnurren, was aber durchaus angemessen gewesen wäre), ehe ich
für 3-4 Stunden in einen sanften, traumlosen Schlaf hinüberglitt. Den restlichen
Tag verbrachte ich in Zeitlupe und mit dem Gefühl, meine Beine konstant dazu
überreden zu müssen, einen Schritt vor den anderen zu tun. Das war jedoch nicht
weiter schlimm, denn eine seltsame Süße lag über dem Tag wie Zuckerguss, und
ich könnte nicht mal sagen, wo die so plötzlich hergekommen war. Vielleicht lag
es daran, dass Hamburg so durch und durch gut zu mir gewesen war, parallel zu diesem
komischen (komisch im Sinne von seltsam, nicht im Sinne von lustig) Jahr, das
so hervorragend losging, um dann so massiv nachzulassen, einzubrechen, mir ins Gesicht
zu spucken. Scheinbar ist nun alles doch wieder irgendwie an seinem Platz, oder
vielleicht doch nur so wie bei Kettcar:
Man sollte vielleicht aufhören zu hoffen
Das Dach ist dicht, das Bier ist kalt
Das Herz ist längst gebrochen.
Das Dach ist dicht, das Bier ist kalt
Das Herz ist längst gebrochen.
Nächste Haltestelle: Altweibersommer
(hoffentlich)!
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