Freitag, 3. Juli 2009

Halbzeit.

In Anbetracht der Tatsache, dass 2009 nun zur Hälfte rum ist, kam mir ein Liedtext in den Sinn, von dem ich mich immer nur an eine Zeile erinnern kann (in dem Sinne ist das dann natürlich kein "Liedtext" mehr, sondern eine Liedzeile, schon klar): "Time is a jet plane, it moves so fast." Ich kenne das irgendwie von Travis, hab´s aber grad kurz gegoogelt, und es ist im Original wohl von Bob Dylan, wobei das Lied "You´re a big girl now" heißt. Passt ja alles ganz ausgezeichnet auf den momentane Augenblick – hatte ich gedacht, aber nein, in Wirklichkeit passen nur der Titel und die Zeile, an die ich mich immer erinnere. Wie dem auch sei. Lange Rede kurzer Sinn, ich hatte mir gedacht, die Zeit ist nunmehr reif, ein Fazit für das erste Halbjahr 2009 zu ziehen! Und das ist schneller getan, als man denkt: Gut war´s! Ausgesprochen gut sogar! Am Anfang ein wenig steinig, aber dann schnell super, und zum Ende hin wurde es sogar immer besser! Vielleicht muss man auch gar nicht mehr sagen, aber wer mich näher kennt, der weiß: Wenige Worte liegen mir einfach nicht! Deswegen geht´s für die ausdauernden Leser hier auch weiter:

Wie es zu jeder denkbaren Lebenssituation mindestens einen Popsong gibt, so gibt es auch immer eine Metapher aus dem Fußball, welche sich auf 2009 gemünzt in etwa so liest: Die vorherige Saison war ziemlich schlecht gelaufen, Bänderriss und Sprunggelenksverletzung des Spielmachers inklusive. Die neue begann dann mit schwierigen Begegnungen auf nahezu unbespielbaren Plätzen. Seltsamerweise waren jedoch alle schneller in Form, als man zu hoffen gewagt hatte, und jedem Anfang wohnt ja sowieso ein Zauber inne – so dass man ganz schnell wieder oben mitspielte. In Q1 wurde dann auch das neue Stadion fertig, in dem man nach und nach einen Sieg nach dem anderen einfahren konnte, alles lief wie am Schnürchen! Die alte Mannschaft passt immer noch hervorragend zusammen, und darüber hinaus konnte man den einen oder anderen mehr als wertvollen neuen Spieler verpflichten, so dass man jetzt zur Halbzeit positiv gestimmt nach vorn schauen kann; vielleicht sogar um den Ligatitel, mindestens aber um einen Champions League Platz spielt. All das hätte man sich zum Ende der letzten Saison nicht träumen lassen, aber es ist natürlich Vorsicht geboten: Ein komfortabler Vorsprung zur Halbzeit soll nicht bedeuten, dass man schon gewonnen hat, schließlich dauert ein Spiel 90 Minuten und wie man weiß, ist nach dem Spiel vor dem Spiel. 10 Euro ins Phrasenschwein und so wie einst Real Madrid: Alles auf eine Karte und auf Angriff spielen – eines ist sicher: Das Publikum liebt uns!

Montag, 29. Juni 2009

Tag am Meer

Nachdem mein ursprüngliche Wochenendeplan durch Umstände, die ausnahmsweise mal nicht in meiner Hand lagen, ins Wasser gefallen war, hatte Kathleen als sie von Köln nach Berlin flog eine grandiose Idee: Ostsee am Sonntag! Es wurde dann auch ein Tag, an den man sich aufgrund seiner Leichtigkeit sicher gern einmal zurückerinnert. Zunächst konnte ich mich schon fast nicht mehr an das erhabene Gefühl erinnern, an einem Sonntag Morgen gegen 7 ohne jegliche Katerbeschwerden aufzustehen. Morgenstund hat dann auch viel mehr Gold im Mund, wenn einen der nächste Weg nicht an den Schreibtisch, sondern in ausgezeichneter Gesellschaft und mit dezent-großartiger musikalischer Umrahmung ans Meer führt. Während der Fahrt gen Norden wandten wir unsere Blicke immer wieder sorgenvoll zum Himmel, der nur selten mal etwas Blau blitzen ließ, aber unsere Befürchtungen waren unbegründet, denn kaum hatten wir uns am Strand niedergelassen, um höllisch stinkenden Käse und Nutellabrötchen (nicht gleichzeitig) zu verzehren, klarte es auf. Das einzige Ärgernis blieb die Tatsache, dass unsere Strategie des blindmachenden Käsegestanks nicht etwa in die Richtung aufging, uns einen mindestens 10 Meter großen Radius als Ruhezone gegenüber unseren Mitmenschen zu sichern, sondern dass eher das Gegenteil der Fall war. Obwohl der Strand fast völlig leer war, fanden wir uns plötzlich in Mitten eines Berliner Kegelclubs samt deren verrotzter Bälger wieder, was erneut die Frage aufwarf, warum Menschen mit Kindern ihrer Umwelt gegenüber eine so latent aggressive Unhöflichkeit an den Tag legen, oder warum man als Gruppe junger, blendend aussehender Frauen kein Recht auf Ruhe hat. Naja, wir sahen geflissentlich darüber hinweg, und hatten das Glück trotz allem direkt nach dem Frühstück einzuschlafen. Die Inline Skates blieben dann wie erwartet (der gute Wille zählt und ein wenig Selbstbetrug muss sein) im Kofferraum, und generell wurde sich nicht viel bewegt. Wozu auch? Wir hatten trotzdem genug zu tun; lösten unsere nichtvorhandenen Probleme, genossen den Ausblick, kommentierten halblaut die Gespräche des Kegelclubs, suchten uns Fußballmannschaften aus, die auf unsere Charaktere passen, lasen uns gegenseitig aus der Zeitung vor, tranken Traubensaft, sammelten Steine, aßen Eis und fragten uns, womit wir das eigentlich alles verdient hatten. Es war ein wundervoller Tag, gekrönt davon, dass auf der Heimfahrt sogar der höchst seltene Fall eintrat, dass ich mir wünschte, ausnahmsweise mal nicht recht zu haben. Aber das klappt ja nicht so einfach. Trotzdem kamen wir gut zu Hause an, und erwarten jetzt, dass der Treibhauseffekt endlich mal ernst macht, und wir demnächst mit der S-Bahn an den Strand fahren können. Also ich kann´s eigentlich kaum erwarten.

Freitag, 26. Juni 2009

Being Boring

Gestern Abend war ich mit Jens beim Pet Shop Boys Konzert im Tempodrom. Heute morgen finde ich mit Hilfe des ZDF Morgenmagazins heraus, dass Michael Jackson gestorben ist. Aus den naheliegenden Gründen denke ich nun also über das Peter Pan Syndrom nach. Ich habe mich vergangene Woche aufgrund einer Reihe interessanter und zum Teil recht witzig geschriebener Beiträge wieder mit dem Spiegel versöhnt (da wurde in Hamburg aber mal hörbar erleichtert aufgeatmet!). Im Leitartikel ging es um "unsere Generation" – die Generation Praktikum / Latte Macchiato / Krise / Egomanie / Facebook / Biogemüse / Neon, die neue Trümmergeneration, oder wie man sie eben nennen will. Das Besondere an dieser Generation sei, dass "wir" erstens Mal keine wirkliche Generation sind, weil "uns" außer dem Alter nichts wirklich verbindet, und dass es "uns" nicht um eine Veränderung der Zustände, sondern um die Beibehaltung des Status Quo geht. Obwohl das in dem Artikel alles ein wenig schwarzmalerisch daher kam, kann ich nicht richtig erkennen, wo dabei das Problem liegen soll, und frage mich: Ist das jetzt schon das Sommerloch? Ich bin der festen Ansicht, dass wir uns gerade in einer Quasi-Wiederholung des Biedermeier befinden, der sich seinerseits durch einen Rückzug ins Private auszeichnete. Nachdem wir mit einem sicheren Blick in die nähere Vergangenheit festgestellt haben, dass gewisse gesellschaftspolitische und soziale Veränderungen nicht möglich sind (man schaue sich nur mal die Grünen an, die haben als Partei herausgefunden, dass politische Macht auch ganz schön ist, und an die Stelle der Veränderung unserer Gesellschaft, ist die Neuorientierung der Partei getreten, damit diese in eben jene Gesellschaft reinpasst. Oder anders: wer ist konservativer als ein Grünen-Wähler aus der Kastanienallee? Eben!), und man offene Türen nicht einrennen muss, haben wir uns darauf verlegt, den Boden, der von hier bis zum Ende unseres kleingeistigen Horizontes reicht, zu verteidigen. Und wer will es uns verübeln? Wie wir alle wissen (tun wir doch, oder?), gab es mit dem Vormärz und parallel zum Biedermeier eine entgegengesetzte revolutionärere Strömung, die literarische Schwergewichtler wie Bettina von Arnim, Georg Büchner und nicht zuletzt Heinrich Heine hervorbrachte, und gern als einer der ausschlaggebenden Gründe für den Ausbruch der bürgerlichen Revolution von 1848 angeführt wird. Folgende Fragen werden nun aufgeworfen: Gibt es auch jetzt eine Gegenbewegung? Wenn ja, wer ist das und wo halten sie sich versteckt? Wird es auch dieses Mal eine Revolution geben? Und schließlich: Worauf will ich eigentlich hinaus, und wie bekomme ich jetzt die Kurve zu den Pet Shop Boys, Michael Jackson und Peter Pan? Für die Erfüllung von Wünschen verweise ich gern weiterhin nach Lourdes oder an den Weihnachtsmann, aber die letzte Frage kann ich problemlos beantworten: Das ist mein Blog, und da muss ich die Kurve nicht kriegen. Kohärenz im täglichen Leben ist ja gut und schön, aber hier hat sie nichts zu suchen. Das mit Michael Jackson tut mir irgendwie leid, andererseits lässt es mich gleichzeitig seltsam kalt, man hatte das Gefühl, er sei schon vor Jahren gestorben. Peter Pan sind fast wir alle, das muss als Erklärung reichen. Und die Pet Shop Boys waren ganz großartig, aber das sind sie ja immer schon gewesen. Man schaue sich nur die Texte an, die zum Teil dann wieder ganz gut auf unsere Nicht-Generation passen (Kurve doch gekriegt!):

I came across a cache of old photos
And invitations to teenage parties
"Dress in white" one said, with quotations
From someone's wife, a famous writer
In the nineteen-twenties
When you're young you find inspiration
In anyone who's ever gone
And opened up a closing door
She said: "We were never feeling bored"

'Cause we were never being boring
We had too much time to find for ourselves
And we were never being boring
We dressed up and fought, then thought make amends
And we were never holding back or worried that
Time would come to an end

When I went I left from the station
With a haversack and some trepidation
Someone said: "If you're not careful
You'll have nothing left and nothing to care for
In the nineteen-seventies"
But I sat back and looking forward
My shoes were high and I had scored
I'd bolted through a closing door
I would never find myself feeling bored

'Cause we were never being boring
We had too much time to find for ourselves
And we were never being boring
We dressed up and fought, then thought make amends
And we were never holding back or worried that
Time would come to an end
We were always hoping that, looking back
You could always rely on a friend

Now I sit with different faces
In rented rooms and foreign places
All the people I was kissing
Some are here and some are missing
In the nineteen-nineties
I never dreamt that I would get to be
The creature that I always meant to be
But I thought in spite of dreams
You'd be sitting somewhere here with me

(…)

Mittwoch, 24. Juni 2009

Teeblätter lesen...

Manchmal steht ja im Wochenhoroskop "Ihr bester Tag diese Woche" mit drin. Bisher war es bei mir so, dass wenn bei Skorpion "Montag" angeführt wurde, die Zeitschrift im hohen Bogen in den Müll geflogen ist: Völlig unglaubwürdig! Kennen die mich denn überhaupt kein bisschen? Wer zum Teufel ist denn dort für das Horoskop zuständig? Der Zufallsgenerator? Kann man nicht mal ein wenig Seriosität von der Cosmopolitan erwarten (ach nee, die ist doch monatlich, oder? Und die In Touch? Ach wie jetzt; da geht´s gar nicht um seriöse, verlässliche Hintergrundinformationen? Verrückt! Und im Spiegel gibt´s keine Sterne, richtig? Egal…) Trotzdem: Montag?!?!?! Pfffff!!!!! Wie dem auch sei – genug gespielte Entrüstung! Außerdem weiß ich seit dieser Woche, dass das vielleicht sogar manchmal stimmt – wobei ich Donnerstag bis Sonntag mal nicht vorschnell verurteilen will, schließlich liegen sie inklusive Pet Shop Boys noch vor mir. Zudem habe ich mein Horoskop gar nicht gelesen – oder ich kann mich nicht erinnern? Egal, was soll´s, seit ich nämlich neulich Zeugin eines Gesprächs wurde, in dem jede (im Grunde liebenswerte…ähem!) Charaktereigenart auf die Konstellation der Sterne am Tage der eigenen Geburt abgewälzt wurde, will ich jetzt auch endlich mal einfache Antworten auf die Fragen des Lebens. Oder ich mach´s mir noch leichter, und schieb einfach alles aufs Schicksal. Ha! Das muss ich mir gleich auf die Hand schreiben...

Montag, 22. Juni 2009

When it´s all good keep things close at hand.

Wer ein aufmerksamer Beobachter ist, dem das große Glück zuteil wird, einmal im Rahmen seiner Freizeitgestaltung nach Madrid zu fliegen, der wird schon beim Einchecken auf dem Heimatflughafen feststellen, dass das Flughafenkürzel der spanischen Hauptstadt MAD ist. Spätestens zum Zeitpunkt der Heimreise weiß man dann auch, dass das nicht allein den offensichtlichen Gründen (für die Langsamen: dem Namen der Stadt und so) geschuldet ist.

Man kann wohl ohne jeden Zweifel sagen, dass es sich bei Madrid um meine erste große Liebe handelt. Im Gegensatz zur Mehrzahl meiner sentimentalen Verwirrungen der letzten 10 Jahre ist mir in diesem Fall jederzeit deutlich bewusst, weshalb das gut und richtig ist, und im Grunde genauso sein muss.

Wir kommen am Freitag Abend gegen 9 in der Capital an. Der spanische Sommer hat schon mit all seiner Härte zugeschlagen, aber der von Goya so oft malerisch festgehaltene Himmel von Madrid entschädigt uns für das buchstäbliche Zerfließen am Gepäckband, die ausgesuchte Unhöflichkeit einiger Spanier und so Einiges andere. Noch mehr entschädigt nur die ausgesprochen gute Gesellschaft. Wahrscheinlich ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich alles im Leben in Phasen anordnet: Manchmal spuckt uns das Schicksal (insofern es so etwas gibt) direkt ins Gesicht, und manchmal küsste es uns auf den Mund, und nimmt dabei unseren Kopf sanft in seine Hände. Neuerdings ganz allgemein und an jenem Wochenende ganz speziell ist Letzteres ganz eindeutig der Fall. An einem der für mich bedeutsamsten Orte dieser Welt finden ein paar der wichtigsten Menschen meines Lebens zusammen; ein Rädchen greift ins andere, und ohne jeden Zweifel oder Spickzettel weiß ich wieder, wie man das Wort GLÜCK buchstabiert. Die Gespräche fließen mindestens genauso schnell wie die Getränke, und als Geräuschkulisse brauchen wir nur unser eigenes Gelächter. Abstraktionsvermögen scheint der Schlüssel des Erfolges im Wahlpflichtfach Absurdität zu sein. Wir bekommen alle eine 1, was aber zu erwarten war. In kleinen, verrauchten Kellerbars stehen sich zum wiederholten Mal Vergangenheit und Gegenwart gegenüber, selten zuvor scheinen sie jedoch so viel Gefallen aneinander gefunden zu haben. Menschen, die vor einigen Jahren unsere Leben bevölkerten, haben in der Folge interessante Gaststarauftritte in der aktuellen Staffel. Manchmal passt einfach alles zusammen. Zeit ist natürlich relativ; aber kann sie auch gleichzeitig schnell und langsam fließen? Wer weiß, aber so viel ist sicher: Als wir schließlich 56 Stunden nach der Abreise wieder in Schönefeld stehen, und sich die Warterei auf die Koffer seit über 2 Stunden hinzieht, sind wir einstimmig der Ansicht, dass es uns eine Ehre und Freude, und in diesem Fall zum Ende hin noch nicht einmal zu viel war.

Donnerstag, 18. Juni 2009

Im Einkaufszentrum des Grauens

In letzter Zeit gaukel ich mir selbst gern vor, dass ich mittlerweile über ein ordentlich ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfüge. Diese Annahme stellt sich jedoch mit schöner Regelmäßigkeit als Selbstbetrug heraus, besonders dann, wenn ich mutigen Herzens ein Einkaufszentrum betrete, um mir Kleidung oder Schuhe zu kaufen. Oft verlässt mich der besagte Mut schon am Eingang und wenn ich versuche mich zu orientieren: Da es mir unmöglich ist, länger als 30 Sekunden vor irgendeinem Schaufenster zu verharren, weil ich Angst habe angesprochen zu werden, muss ich oft mehrere Runden drehen, um die Geschäfte zu finden, in denen ich unbemerkt in der Masse untergehen kann, und die dann im besten Fall Dinge führen, die mir in irgendeiner Form nützlich sein könnten. Gut, dass H&M mit diesen großen roten Buchstaben deutlich auf sich aufmerksam macht. Dort bin ich dann auch am allerliebsten, und zwar nicht, weil ich von der Qualität oder den Mustern so beeindruckt wäre, sondern weil es groß und unübersichtlich, gleichzeitig aber nicht so abgefuckt wie C&A ist, und man von den Verkäuferinnen und Verkäufern (political correctness) meistens in Ruhe gelassen wird. Dass ich deswegen dann gekleidet bin, wie 85% meiner Generation nehme ich billigend in Kauf (außerdem reißt mein Gesicht das dann eh wieder raus, klar!).

Gestern war es also wieder so weit. Die Mission hieß Schuhe, der Tatort waren die Schönhauser Allee Arkaden, der Zustand ist mit „übermüdet und demotiviert“ am besten beschrieben, und um die Haare sah ich auch scheiße aus. Beste Voraussetzungen also, um das eingebildete Selbstwertgefühl an seinen angestammten Platz zu verweisen. Zunächst begebe ich mich flink zu den Schweden mit den großen Buchstaben, um Kraft zu sammeln, und muss dabei feststellen, dass die Sommermode dieses Jahr sogar noch schrecklicher ist als vergangenes. Oh nein! Warum sind die 80er eigentlich schon wieder zurück? Naja, zum Glück gibt es ja in Deutschland eh keinen richtigen Sommer. Ich atme tief durch, verlasse den Laden und gehe schnellen Schrittes die mittlere Etage entlang. Mein Ziel sind ein Paar Adidas Samba, und in den ersten 3 Läden werde ich zweimal von den Verkäufern angesprochen, was mich veranlasst „Ach, rumgucken…“ zu stammeln, und fluchtartig zu verschwinden. Im dritten gibt´s dann gleich mal gar keine Dreistreifenschuhe. Na toll. Plötzlich finde ich mich bei Thalia wieder und höre mich leise lachen. Ich bewundere einen kurzen Moment lang die schier unglaubliche Macht des Unterbewussten, nehme verträumt Boyds „Unser Mann in Afrika“ in die Hand, und denke „Wer braucht schon Schuhe?“. Ach ja, ich! Reiß Dich zusammen und leg das Buch weg! In den Schönhauser Allee Arkaden gibt es gefühlte 37 Schuhgeschäfte, und ich gehe in alle wenigstens kurz rein, wobei ich die meisten auch direkt wieder verlasse, entweder weil mich die Angestellten ansprechen, oder ich von den Farben und Formen verwirrt werde. Als großgewachsener Mensch hat man natürlich große Füße, und das ist als Frau ziemlich unangenehm, weil ab der 40 aufwärts einfach fast alles scheiße aussieht. Im 36. Schuhgeschäft finde ich ein paar Adidas Schuhe in meiner Größe. Es ist nicht das Modell Samba, aber was soll´s, sie sind runter gesetzt, und nach einem interessanten Moment des Kopfrechnens weiß ich, dass ich so 3 Flaschen Wodka mehr kaufen kann. Die werde ich nach diesem Nachmittag auch brauchen. Als ich in der S-Bahn sitze (ich kann die eine Station jetzt unmöglich zu Fuß zurücklegen), schaue ich auf die Uhr: Ich war genau 45 Minuten im Einkaufszentrum, und bin drauf und dran alle guten Vorsätze von wegen „kein Alkohol unter der Woche“ über Bord zu werfen. Ab jetzt wird im Internet eingekauft! Modern Life und so.

Dienstag, 16. Juni 2009

Belanglosigkeit reloaded

Gestern verbrachte ich aufgrund des unwirtlichen Wetters und der in den letzten Wochen akkumulierten Müdigkeit einen Abend mit mir selbst. Es war gar nicht so schlecht. Das Essen war großartig (gut, es war von der Mutti Vorgekochtes), die Musik war ausgezeichnet und die Lektüre sowieso – namentlich meine eigenen alten Tagebücher. Um 11 war ich dann sogar schon im Bett, was die Augenringe zwar immer noch nicht hat verschwinden lassen (sollte man nach 10 Jahren die Hoffnung eigentlich aufgeben?), aber wenigstens fällt mir nun der Kopf nicht mehr auf die Tastatur. Über einer Kanne Pfefferminztee wurde mir, mit meiner Vergangenheit in Schriftform auf dem neuen Couchtisch (a.k.a. die alte Blumenbank meiner Mutter, die Erik einst fast das Leben gekostet hätte) vor mir, wieder deutlich, wie sehr ich das Allein Leben doch mittlerweile schätze: Aller Müll, der rumliegt gehört einem selbst, man kann jederzeit nackt durch die Wohnung laufen, alle Türen sperrangelweit offenstehen lassen, gerne mehrfach hintereinander das Oasis Unplugged sehr laut anhören und dazu mitsingen, ohne sich als Ewiggestrige bezeichnen lassen zu müssen, beide Kühlschränke ganz für sich allein beanspruchen und bei einem Doppelbett genau in der Mitte schlafen. Wundervoll! Nachdem mir also nach nur einem Abend mit mir selbst wieder deutlich geworden ist, wie toll ich eigentlich bin, stelle ich mir nun ernsthaft die Frage, ob ich jemals wieder mit jemanden werde zusammenleben wollen. Natürlich handelt es sich dabei derzeit um eine rein hypothetische Frage ohne jeden Handlungsnotstand, aber dennoch: Wie geht man denn damit um, wenn alles, was man einst für einen vagen Zukunftsplan gehalten hat, täglich hinfälliger wird? (Und warum hört sich das an, wie die Kolumne von Carry Bradshaw? Und wen interessiert das überhaupt?). Wahrscheinlich gar nicht; das ist ja das Schöne daran, wenn man seine Pubertät scheinbar endlos ausdehnt, und sich jeden Tag aufs Neue aussuchen kann, mit welcher scheinbaren Belanglosigkeit man sich beschäftigt, ehe man sich wahlweise im Egoismus oder dem Selbstmitleid suhlt. Wer hat nochmal gesagt Modern Life is Rubbish? Blur? Nichts gegen den Sound der 90er, aber da lagen sie ja wohl mal völlig daneben!