Montag, 31. Januar 2011

Home is where the heart / hurt is.

"Nächste Station: Prenzlauer Allee". Ich schrecke hoch, bin wach! Automatisch geht der Griff an meine Tasche. Sie ist noch da. Automatisch geht der nächste Griff in meine Tasche: Telefon, Portemonnaie, Zigaretten, Schlüssel. Alles da. Aufatmen. Wahrscheinlich war ich gar nicht eingeschlafen und es handelt sich sowieso um eine S8, so dass ich im schlimmsten Fall lediglich in Birkenwerder gelandet wäre. Nun, vielleicht ein andermal, jetzt ist es für derlei Ausflüge zu spät und zu kalt. "Nächste Station: Prenzlauer Allee" also. Verwurzelt in der Trunkenheit einer Samstagnacht im Januar, werde ich ein wenig sentimental und weich, in etwa wie geschmolzenes Karamell. Um die Wahrheit zu sagen, werde ich wahrscheinlich sogar sehr sentimental und muss fast vor Rührung weinen, als ich denke, dass ich nun gleich zu Hause sein werde. Zu Hause. Hach! Während ich dorthin eiere und mein gefrorener Atem klirrend auf den Asphalt fällt, denke ich ein wenig über diesen seltsamen Heimatbegriff nach. Die Gedanken lösen einander fließend ab, ich kann keinen wirklich festhalten und denke zum wiederholten Male, dass ich mir für solche Augenblicke ein Diktiergerät zulegen sollte, weil ich betrunken nicht in der Lage bin zu schreiben und mich mein Gedächtnis für gewöhnlich in derartigen Momenten im Stich lässt. Wir haben erst neulich über dieses Heimatding nachgedacht, und waren uns unterm Strich nicht klar darüber, ob das Problem der Einengung schwere wiegt, als die relative Geborgenheit, die man bekommt. Als ich meine Wohnungstür hinter mir zuschließe, mir die Schuhe von den Füßen streife, alle Lichter, Musik und den Laptop anmache, meine Kleidung über die ganze Wohnung verteile, verschiedene Nahrungsmittel ausprobiere, zähneputzend durch alle Zimmer gehe, mich setze, wieder aufstehe und mich schließlich hinlege, denke ich: Alles Quatsch, home is where the heart is! Oder war´s "hurt"? Egal! Angekommen!

Donnerstag, 27. Januar 2011

Don´t look back into the sun.

Man vergisst im Augenblick der Aufruhr, dass man schließlich doch vergessen wird. Dass manche Erlebnisse wie eine Grippe an einem vorbeigehen, dass man nur stillhalten, ein paar Regeln beachten und ein bisschen auf sich aufpassen muss. Ruhe bewahren. Dass es grad ein wenig unangenehm ist, vielleicht auch weh tut, natürlich, aber nicht für lang. Und dann ist es rum und im Rückblick verschwimmen all die kleinen Grippen miteinander, im Rückblick kann man sie zeitlich gar nicht mehr richtig zuordnen, im Rückblick werden sie unbedeutend. Und dann gibt es chronische Bronchitis. Chronische Bronchitis, die bei Seeluft und guten Witterungsbedingungen besser, aber doch nie richtig weg ist. Chronische Bronchitis, die einen immer irgendwie beeinträchtigt, die man manchmal vielleicht kurz vergisst, aber kaum dass man sich fragt, wie das noch gleich war, hat man unbedacht den Schal vergessen und – zack! – schon ist sie zurück und wirft einen zu Boden.

Eigentlich schlimm, dass man "die Liebe" (na klar geht´s hier um die Liebe, worum denn sonst bitteschön?!) in Metaphern mit Krankheiten gleichsetzt. Man möchte meinen, dass "es" dann ja auch wirklich nichts werden kann. Wann sind wir eigentlich so zynisch geworden? Und warum tun wir viel härter als wir sind? Weil wir nicht anders können, und im Grunde kann man sich glücklich schätzen, wenn das das größte Problem ist, das man hat. Guten Donnerstagnachmittag, Berlin!

Donnerstag, 20. Januar 2011

Treat your body like a temple - reloaded.

Ich hatte es noch gar nicht explizit erwähnt, aber – wie im vergangenen Jahr – widme ich den Januar dem Detox, will heißen, ich trinke nicht, was auch dazu führt, dass ich bedeutend weniger rauche, mehr und vor allem besser schlafe, mich sportlich betätige, jede Menge interessanter Säfte trinke und einer kulturell anspruchsvolleren Freizeitgestaltung nachgehe. Wer mich regelmäßig liest und / oder das große Glück hat mich persönlich zu kennen (*hüstel*), ahnt vielleicht, dass ich unter Umständen manchmal ein winziges bisschen marginal zu einem latenten Extremismus neigen kann und es ist eventuell sogar möglich, dass dieser Fall auch nun wieder eingetreten ist. Hauruckaktionen und Schnellschüsse, herzlich willkommen! Vielleicht werde ich aber auch wirklich langsam alt, und genieße die relative Ausgeglichenheit deswegen so sehr? Man weiß es nicht. In einem solchen Fall empfiehlt sich der Blick in die Aufzeichnungen (manchmal auch gern liebevoll aufgrund ihrer umfassenden Genauigkeit "die Stasiunterlagen" genannt) und siehe da, im vergangenen Jahr war es haar genauso! Und ich ahne natürlich, wie es ausgehen wird, aber halt! Unterscheidet es uns nicht von den Tieren, dass wir aus unseren Verfehlungen und Verirrungen lernen? An anderer Stelle kamen wir neulich drauf, weshalb uns unser eigenes Verhalten im Rückblick manchmal so absurd erscheint: Wir vergessen vielleicht oftmals nicht die Fakten, aber der Bezug zum dazugehörigen Gefühl kommt uns abhanden. Auf der Suche nach einem akzeptablen Mittelweg wurde mir erst gestern ein in meinen Augen sehr hilfreicher Tipp gegeben: Emotionaler Wahnsinn ist manchmal sicher akzeptabel und vielleicht sogar notwendig, wenn man aber bemerkt, dass es zu wirklich extremen Auswüchsen kommt, sollte man sich bemühen, einen Schritt zurückzutreten und überlegen, wie man die Situation mit einem Jahr Abstand betrachten würde, und wenn man dann sagen muss "Verdammt, wie konnte ich nur so dämlich sein!" sollte man vielleicht Alternativen in Betracht ziehen. Das ist natürlich nicht ganz einfach, aber ich versuche das jetzt mal – den gesunden Januar im Rücken sollte das ja alles kein Problem sein.

Mittwoch, 12. Januar 2011

There´s a light that never goes out.

Ich werde derzeit mit vor Staunen offenem Mund Zeugin eines kleinen Wunders. In meinem engsten Umfeld haben sich zwei Menschen scheinbar gefunden! Offensichtlich ergibt sich wirklich hin und wieder ein Zustand, in dem gegenseitige Zuneigung und Timing genau am richtigen Ort aufeinandertreffen, und ab und an wische ich mir jetzt verschämt ein Tränchen der Rührung aus den Augen, wenn ich die zwei zusammen sehe. Ich habe nun ausgerechnet, dass – wenn wir in diesem Tempo so weitermachen – der gesamte Freundeskreis gegen 2025 unter der Haube ist. Diese Zahl vor Augen will man dem berlinisierten Klientel zurufen, dass man damit anfangen solle, diese bescheuerte Bindungsangst abzulegen, bis einem das komische Glashaus wieder einfällt. Was bleibt uns also? "…wachen, lesen, lange Briefe schreiben… in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben"? Ja, auch das. Das Schöne ist, dass man nun getrost nachts in eine Decke gewickelt aus dem Fenster schauen und The National hören kann, ohne der winterlichen Verzweiflung gänzlich anheim zu fallen. Die Gehwege sind größtenteils auch wieder eisfrei und was die Herzen betrifft, bin ich besserer Hoffnung! Danke und Glückwunsch J&J!

Mittwoch, 5. Januar 2011

This is the new year.

Der Januar ist mit Abstand der schlimmste Monat des Jahres! Ich weiß gar nicht, was die Novemberhasser immer alle haben, kurzdrauf ist Weihnachten, da kann man bequem rauchen und bechern wie ein Stadtsoldat, auf der Arbeit bummeln, keinen Sport treiben, zu viel und ungesund essen, alle Fünfe grade sein lassen etc. pp, das macht man ja zu Jahresende hin eh alles, also kann man auch schon etwas früher anfangen und ein wenig üben. Aber Januar… brrrrrrr!!! Januar! Es ist dunkel und kalt, das Konto ist leer, die nächsten Feiertage sind endlos weit weg, das Berliner Konzertpanorama lässt zu wünschen übrig, die guten Vorsätze, an denen man spätestens Mitte des Monats emotional zerschellen wird, zeichnen sich schon in KW1 durch ihre praxisferne aus, man ist unzufrieden und hoffnungslos, schließlich erwartet man immer, im neuen Jahr würde irgendetwas anders und besser werden, doch dann hat man leider versäumt, selbst Änderungen einzuleiten und so bleibt einfach alles nur wie immer und es geht weiter wie bisher - nur ohne erlösendem Jahresende in Sichtweite. Ich habe in letzter Zeit (will heißen seit Montag) das Gefühl, jeder einzelne Tag sei die Eiger Nordwand, die ich mühevoll immer wieder aufs neue bezwingen muss. Stichwort Sisyphos. Stichwort Überdramatisierung des Alltags. Stichwort Fortbestand der Vollmeise. Frohes Neues!

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Kindheitserinnerungswälder.

Wenn man an einen Ort kommt, wo der Schlafanzug auf der Heizung liegend auf einen wartet, kann man fast davon ausgehen, dass man zu Hause ist. Unter Umständen ist dann auch Weihnachten. Ich liebe die Formulierung "zwischen den Jahren", und finde, dass eben jene Woche gleichzeitig die längste und die kürzeste des Jahres ist. Sie ist die längste, weil man an den paar Tagen oft viele unterschiedliche, fast schon gegensätzliche Dinge unternimmt, einen Haufen Leute trifft, die nichts miteinander zu tun haben, Vergangenes Revue passieren lässt, Zukünftigem mit Freude oder Schrecken (je nach Naturell und Lebensumständen) entgegenblickt und vielleicht doch kurz auch mal die Zeit hat, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Sie ist die kürzeste, weil all das an einem vorüberfliegt und man sich schon kurz darauf nicht mehr vorstellen kann, woher die guten Vorsätze eigentlich kamen.

2010 (und nun fazitiere ich doch) war ein gefühlt sehr kurzes, aber keineswegs ein schlechtes Jahr. Als ich gestern nach Berlin zurückfuhr, bemerkte ich ab Bornholmer Straße, dass ich ein wenig zitterte, was ich zunächst auf die Aufregung hervorgerufen von waagerecht abgeschossenen Raketen von Weddinger Balkonen schob. Es wurde aber auch auf dem Prenzlauer Berg zunächst nicht besser, und tatsächlich hatte ich mich erst wieder unter Kontrolle, als ich mühsam zwischen Schneebergen eingeparkt und meine Habseligkeiten in die Wohnung geschleppt hatte. Kurz vor Jahresende fühle ich mich innerlich gern etwas instabil, dieses seltsame schwarze Loch, angesiedelt zwischen Herz und Magen dreht sich dann schneller als sonst. Was hätte anders laufen können, was anders laufen müssen? Oder war doch alles richtig, so wie es war? Und welchen Sinn macht es überhaupt zu grübeln, wenn man das Vergangene eh nicht mehr ändern kann? Um zu sagen, ab jetzt wird alles besser, bin ich zu realistisch – oder zu faul. An dieser geschriebenen Inkohärenz könnte ich aber arbeiten – denn wieso fängt ein Absatz mit "2010 war keineswegs ein schlechtes Jahr" an, und hört mit tristen Gedanken auf? Eben! Ab nächstem Jahr werde ich erwachsen! …vielleicht.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

A imaginação, o nosso último santuário.

Viele sehr aufschlussreiche Gespräche beginnen mit dem Satz "Ich habe mir mal ein paar Gedanken gemacht.". Ganz anders verhält es sich mit "Wir müssen reden.", letzterer wird nicht selten zu einem schwerwiegenden Meilenstein im großen, bösen Übel. Weil bald Weihnachten ist, sprechen wir heute über ersteren – atmen Sie also ruhig auf, wir bleiben noch ein Weilchen zusammen. Lediglich... habe ich mir ein paar Gedanken gemacht. Neuerdings verbringt man ja ab und an etwas mehr Zeit auf dem Weg zur Arbeit. Am Montag fuhr ich spontan mal einen Umweg, der mich am Ende auf Wegen voll jungfräulichen Schnees die Spree entlang zur Arbeit führte (fragen Sie nicht!). Hatte es bis vor wenigen Minuten noch ausdauernd geschneit, brach plötzlich die Sonne durch die Wolken und tauchte die gesamte Szenerie in ein seltsam diffuses, irgendwie zeitloses Licht und ein Jauchzen (Jauchzet frohlocket – wer hat´s erkannt?) brach aus mir heraus. Ich fühlte mich einen Moment lang ganz wie ein Kind, das seinen ersten Ferientag erlebt: Ferien, Weihnachten und noch dazu alles schneebdeckt, was konnte mein junges Herz in diesem Moment mehr verlangen? Vergessen der Emokater, die kalten Füße, die Enge in der S-Bahn, verdrängt die zähen Stunden im Büro, die vor mir lagen und die Leere auf dem Konto. Alles was zählt: Ich, an diesem Morgen, und für einen Augenblick keine Spur von Luxusproblemen und unsinnigen Bedenken zu abwegigen Themen. Ich bin natürlich kein Kind mehr und habe bereits das eine oder andere schwerwiegende "Wir müssen reden"-Gespräch führen müssen, was mich teilweise ja auch zu dem macht, was ich bin, und unter anderem Eigenschaften hervorbringt, die ich mit der Zeit sogar ein wenig liebgewonnen habe. Doch nun, wo der Nachtzug nach Lissabon fast schon seine Endstation erreicht hat, bleibt einfach festzuhalten, dass unsere Vorstellungskraft immer auch ein Zufluchtsort sein kann. Wenn man nur will.

Frohe Weihnachten, Ihr Prinzen von Maine, Ihr Königinnen von Neuengland.