Dienstag, 8. Februar 2011

Im Westen nichts Neues.

Momentan scheinen Selbstmörder Hochkonjunktur zu haben – und ich meine das nicht zynisch, mitnichten! Ich sage das eher mit einer gewissen Besorgnis in der Stimme (ach, wenn Sie mich doch nur hören könnten!), was ist denn nur da draußen los? In den letzen 7 Tagen geriet ich auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause dreimal in die Situation, dass der Ringbahnverkehr aufgrund von Notarzt- und Polizeieinsätzen auf meinem kleinen Teilstück in meinem kleinen Zeitfenster unterbrochen war. Es handelte sich um Einsätze an den Stationen Wedding, Westhafen und Westend. Vielleicht sollte man auf die Stationen mit W. in Zukunft ein besonderes Auge haben? Pedro Almodóvar antwortete einmal auf eine Frage zu seinen Figuren und seinem Filmschaffen, an die ich mich jedoch nicht genau erinnern kann, dass es zwei Typen Mensch gäbe: Wenn eine U-Bahn (in Madrid gibt es keine S-Bahn im Berliner Sinne) im Tunnel gestoppt wird, weil sich jemand davorgeworfen hat, und die Fahrgäste aussteigen müssen, um zur nächsten Station zu laufen, dann sind da einerseits die, die sich das Desaster, wenn auch angewidert, erschrocken und besorgt, aber dennoch neugierig ansähen und die, die konsequent wegschauten, um nur ja nicht von den Bildern, wenn auch nur kurz erblickt, aber vielleicht gerade deswegen ins Gedächtnis eingebrannt, verfolgt zu werden. Was mich selbst betrifft, kann ich das nur schwer sagen, da ich immer gestoppt werde, ehe ich zur Unfallstelle gelange, ich habe aber eine Vermutung. Gestern fuhr ich dann fast eine ganze Runde Ringbahn, um überhaupt nach Hause zu gelangen, kam so aber durch Stadtviertel, die man auch fast schon als "verunfallt" bezeichnen könnte. Statt nach draußen zu schauen, vertiefte ich mich jedoch in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" – endlich mal Zeit, in Ruhe zu lesen! Man kann sich jetzt fragen, wie ich an der Stelle die Kurve kriegen will. Zurecht. Nun, ganz einfach: Ich widme mich lieber einem Buch (das ich übrigens von 11 Jahren schon einmal gelesen habe, und seinerzeit nicht annähernd so gut fand, wie jetzt), als auf die fremden, hässlichen Stadtviertel zu blicken – demnach würde ich wohl eher wegschauen, ist doch klar. Manchmal finde ich dieses Ausblenden alles Unangenehmen geradezu zum Kotzen, manchmal bin ich aber auch ganz froh darüber. Fazit: Sollte man nicht lieber verdrängen, vielleicht etwas Schönes lesen, mit Menschen sprechen, Musikhören, was Gutes essen, tanzen gehen oder Skifahren, als sich vor Züge zu werfen? Oder ist das zu simpel gedacht?

Kommentare:

Tante Oberursel hat gesagt…

Ich finde das nicht simpel gedacht sondern konsequent!

Wer Lust auf das Elend in der Welt hat, kann ja hin sehen und sich sein eigenes Bild machen. Aber mir reicht oft schon die Tatsache, dass ich weiß, das es Elend gibt. Meine ureigene Phantasie legt mir dazu sowieso die für mich angemessenen Bilder dazu. Das geht alles automatisch. Man kann uns da als eingespieltes Team bezeichnen. Vielleicht noch gewürzt mit einer Prise Ignoranz. Denn irgendwann auf dem Weg zum Erwachsenwerden beschloss ich ein eher fröhlicher Mensch zu sein und nicht alle Informationen aufzunehmen, die sich mir bieten würden. Kann man vielleicht auch Selbstschutz nennen. Man kann sich nicht um alles kümmern...

Sally Cinnamon hat gesagt…

So werden wir keine Macher mehr, und die Welt retten wir auch nicht. Vielleicht reicht es, wenn man das erkennt, einsieht und akzeptiert. Dann kann man unter Umständen versuchen die Nahestehenden zu schützen - und sich selbst? Jeder, wie er kann.

Tante Oberursel hat gesagt…

Alle für einen - einen für alle!

Sind wir am Ende vielleicht moderne Verfechter des kleinen Glücks?

Sally Cinnamon hat gesagt…

Das kleine Glück ist u.U. besser als sein Ruf - Man tritt auf den Balkon, entzündet eine Zigarette, hört Fake Empire von The National und die Sonne geht farbenprächtig unter. Wenn das neuer Biedermeier ist... Herzlich Willkommen!

Anonym hat gesagt…

Ich denke doch auch, dass man nicht ununterbrochen 'Hinschauen' kann/soll/muss. Die Welt retten? Von wegen, da ist eh Hopfen und Malz verloren. Aber auch wenn der Anspruch sein soll, dass man die Welt wenn schon nicht besser, dann immerhin nicht schlechter machen sollte (was ja schon toll wäre), scheint mir das Konzept des exzessiven Wegschauens nicht überzeugend. Wegschauen, nicht Hinschauen -wieauchimmer- hat von zeit zu zeit enorm negative Einflüsse auf die (Um)Welt. Von der meiner Meinung nach unsympathisch-unwirklichen Abgrenzung vor den unschönen Dinge mal abgesehen, bleibt die eigenen Blase davon über kurz oder lang auch nicht unberührt. Und dann frage ich mich tatsächlich, ob es sich lohnt und ob es annähernd klug ist, so konsequent und lange wegzuschauen, bis man selbst vor eine S-bahn läuft...?

Sally Cinnamon hat gesagt…

Ja, wahrscheinlich gänge es darum, so etwas wie einen Mittelweg zu finden, um nicht selber irgendwann unter der S-Bahn zu landen - sei es nun, dass man freiwillig geht, oder dass man eben gestoßen wird, weil man so unsympathisch ist. Aber gerade DAS fällt ja unheimlich schwer. Vielleicht könnte ein Kuchenbasar vor dem Hauptbahnhof für irgendeinen guten Zweck ein erster Anfang sein?

Anonym hat gesagt…

Diesbezüglich eine geradezu geniale Idee, wie ich finde! Ein Kuchenbasar, so banal und doch die dialektische Antwort auf unser Dilemma

1. Schritt - das Backen: im Sinne einer meditativen Selbstverwirklichung, während derer man ausschließlich in die Backschüssel und nicht aus dem Fenster in die schnöde Welt schauen kann.

2. Schritt - der Basar: Der Ort der Begegnung, an dem man die verzweifelten mit einem Stück Schoko-Zuneigung gerade davon abhält sich auf die nächstbesten Gleisen zu legen.

Beim Selbst-Sein, Mensch bleiben!
Gefällt mir!

Sally Cinnamon hat gesagt…

Welches Dilemma? Es gibt gar kein Dilemma, das ist die Lösung!

Gegen den Kuchenbasar spricht:

1.) Ich backe aus Prinzip nicht.
2.) Die Welt ist gar nicht so schlimm, ich schaue sie manchmal sogar sehr gern an (das sagt sich an Donnerstagen leichter als an Montagen).

Außerdem gehört die Idee nicht mir, und es gibt gebrochene Arme, wenn man sie klaut. Habe ich mir sagen lassen.

Anonym hat gesagt…

Ist das Verleugnen des Dilemmas zwischen Hin- und Wegschauen dann ein geschickter Versuch des neuerlichen Wegschauens? Ich bin verwirrt.

Und überhaupt verstehe ich das Nicht-Backen-Prinzip nicht (eine Protestaktion gegen das Eva-Prinzip?)

Sally Cinnamon hat gesagt…

Welches Dilemma?! [...]

Schau mal, ein Hubschrauber!!

Leider verstehe ich nicht viel von Informatik. Oder geht´s hier um Emanzipation? Das wäre ja ein Ding!

ein bekannter von der pralinova hat gesagt…

wenn die pralinova das mipm kuchenbasar erfährt, rauchts!!!!

Sally Cinnamon hat gesagt…

Ich bin doch nich verrückt und leg mich mit der Pralinova an! Kleine Bündel Schutzgeld schicke ich täglich per Taube nach Erfurt...

Anonym hat gesagt…

Ein Hoch auf das kleine Glück! Das Große ist eine Illusion, das wunschlose Unglück ein Grund, sich vor die U-Bahn zu werfen, aber in seiner reinen Form selten anzutreffen und selbst dann zumeist Koketterie.

Lesen ungleich Eskapismus!

Und: Wir verdrängen ganz von selbst. Ein Automatismus unserer Psyche. "Gott"seidank.

le o hat gesagt…

Weltretten: 4-

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http://www.youtube.com/watch?v=PH1Mdc0nItY

Sally Cinnamon hat gesagt…

Einen Moment mal!
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