Mittwoch, 18. August 2010

Joggen mit der Restmoral.

Die Sonne blendet mich ein wenig, und ich muss aufgrund der Schönheit der Szenerie tief durchatmen, damit es mir den Brustkorb nicht sprengt. Ich begebe mich auf meine geliebte Joggrunde im Treptower Park. Früher als sonst spüre ich das Ziehen im rechten Knie, zudem scheint der exzessive Sommer seinen Tribut zollen zu wollen. Nach etwa 7 km überkommt mich ein ziemlicher Brechreiz, ein dicklicher Läufer im FC Barcelona Trikot tut sein Übriges, und ich setze mich erstmal auf eine Bank an der Spree, als plötzlich ein kleiner Rest Moral neben mir sitzt.

RM.: Na… um Deine Fitness stand es aber auch schon mal rosiger.
U. (schnaufe): Na… Du warst aber auch schon mal größer und einflussreicher.
RM.: Ok, unentschieden. Vorerst.
U. (erstaunt): Ist das ein Wettkampf?
RM.: Was denkst Du denn?
U. (säuerlich): Ich will einfach mal in Ruhe hier sitzen und versuchen, mich nicht zu übergeben. Aber nein, kaum macht man es sich bequem, setzt sich irgendein Besserwisser neben einen….
RM.: Wo wir gerade dabei sind: An Deiner Laufhaltung könntest Du auch arbeiten.
U. (RM nachahmend): An Deiner Konsequenz könntest Du auch arbeiten.
RM.: Das führt heute alles zu nichts mit Dir. Hast Du schon gehört, dass Özil zu Real Madrid wechselt?
U.: Oh.
RM.: Ich dachte, Du würdest Dich darüber freuen.
U. (nachdenklich): Hm. Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll.
RM.: Aber Real ist doch DEIN Verein.
U.: Ja… Aber in Bremen ist es doch so schön, dort hatte er es doch so gut.
RM.: Willst Du die Champions League gewinnen, oder den Fairplay-Pokal?
U.: Hm… Ich weiß nicht recht? Was würdest Du denn wollen?
RM. (legt den Kopf schief, schaut mich aus zusammengekniffenen Augen prüfend an): Was hat Dich bloß so ruiniert?
U. (aufbrausend): Na hör mal! Dass das von DIR, der Moral kommt, erstaunt mich schon! Gerade DU müsstest doch den Fairplay-Pokal wollen! Was ist hier eigentlich los?
RM. (beschwichtigend): Ich weiß nicht, warum Du Dich so aufregst. Man hat sich eben größtenteils von mir verabschiedet, ich versuche nur, neue Betätigungsfelder zu finden. Das fängt damit an, dass ich die Ewig-Gestrigen, wie Dich, aufrüttele.
U.: Ach komm schon, jetzt sag nur noch, dass Du mir einen Gefallen tust!
RM.: Natürlich! Wieso solltest Du Dich um ein konsequentes und in sich kohärentes Leben bemühen, wenn alle anderen eh machen was sie wollen?
U. (mich ereifernd): Was ist mit Fairness und Gerechtigkeit?
RM. (resigniert seufzend): Du bist ein hartes Stück Arbeit, weißt Du das? Und ich frage Dich noch einmal, vielleicht verstehst Du es ja wirklich nur so: Champions League oder Fairplay-Pokal?
U.(ungeduldig): Jaja, aber hör doch mal auf mit dem Unsinn, sollte man nicht wenigstens versuchen, seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden?
RM. (mit einem nachgiebigen Lächeln): Ich hab's, Süße! Deine Werkseinstellung ist schuld, Du bist ein auslaufendes Modell, das noch auf dumm-fair läuft, das ist alles andere als zeitgemäß!
U.: Aber das ist doch irgendwie auch nett und sympathisch old-school, oder?

Dir Restmoral küsst mich auf die Stirn und sagt mir, ich solle das mit dem Knie nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich stehe seufzend auf, und laufe weiter, mindestens 3 Kilometer müssen noch sein. An einem zugewachsenen Stück des Weges gewähre ich 2 Walkerinnen den Vortritt. Als ich hinter ihnen bin, schlägt mir ein Zweig ins Gesicht. Na prima! Ist es zu spät, sich um ein Upgrade zu bemühen?

Kommentare:

Polly Pocket hat gesagt…

Verdammte Moral! Der hättest du hinterher laufen und ihr einen Zweig ins Gesicht schleudern MÜSSEN!!!

Wo kommen wir denn hin, wenn sich jetzt jeder neue Betätigungsfelder sucht, nur weil ihm das alte nicht mehr zeitgemäß erscheint.

Erinnert mich ein bisschen an das Fernsehn von heute, wo sich die Öffentlich-Rechtlichen (der Name ist schon eine Frechheit und die reine Provokation!) programmatisch an den Privatsendern orientieren und trotzdem einen Bildungsauftrag innehalben wollen, weil sie sonst ihre Gebühren nicht rechtfertigen können.

Eins ist klar: es gibt nur noch Champions League oder den Fairplay-Pokal. Daran muss man sich eben gewöhnen und in der Übergangszeit weinen wir leise ins Taschentuch und bestellen Sekt UND Selters. Einfach so zum Abscheid der guten Alten Zeit!

Sally Cinnamon hat gesagt…

"Verdammte Moral!" sagt das Mädchen zum Matrosen. Bitte reichen Sie mir kurz die Flasche, die ziehe ich der Restmoral drüber, wenn ich sie das nächste Mal sehe.

pseudopoet hat gesagt…

Polemisieren Sie doch nicht so gegen die altehrwürdige Moral, junge Frau! Halten Sie sie in Ehren. Weder ist sie unzeitgemäß noch ein Laster. Abgesehen davon handelt es sich laut eigener Aussage ohnehin nur um einen Rest. Ein kleiner Rest, ein minimaler Funken Moral ist doch das Mindeste. Zügelloser Hedonismus kann auf die Dauer weder zum Ziel führen noch glücklich machen. Wie einst Brecht so schön sagte: "Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Aber direkt danach, an erster Stelle!
Ebensowenig ist Moral "old school". Lass Dir das von der "Jugend von heute" gesagt sein. Für Upgrades ist es abgesehen davon nie zu spät. Wie wäre es mit einer Sally 2.0? Man muss es nur wagen. Man muss sich nur entscheiden und diese Entscheidung mit einer gewissen Konsequenz und Vehemenz durch- und umsetzen. Aber ich sehe, ich beginne bereits zu schwafeln - entschuldigen Sie!

Polly Pocket hat gesagt…

Ich behaupte ganz einfach mal, dass das bisschen Restmoral, was wir nur noch vorfinden - wer weiß, wo der andere Teil auf der Strecke geblieben ist - sich nicht durchsetzen kann in einer Gesellschaft, die Spaßorientiert ist. Mit Konsequenz, wenn auch nur einer gewissen, und Vehemenz lässt sich doch niemand mehr hinter dem Ofen hervor locken. Zumal es heutzutage kaum mehr Öfen gibt!

Die Moral mit ihrem Wertesystem hat ausgedient. Herr Kant hat uns aufgeklärt und wir (als Gesellschafts-Wir) hatten nichts besseres zu tun, als fein-säuberlich wieder zu verdummen. Aber gut sehen wir dabei aus. Das muss man uns lassen...

Sally Cinnamon hat gesagt…

Demnächst gehe ich mit der Ironie spazieren, das wird ein Spaß. Schön, wenn man sie erkennt.

Was würde Coupland dazu sagen?

Wahrscheinlich: "Compromise is said to be the way of the world, and yet I find myself feeling sick trying to accept what it has done to me."

pseudopoet hat gesagt…

Ich glaube nicht an den Tod der Moral. Genausowenig wie an das vielzitierte Ende der Literatur oder das Ende der Geschichte. Die Moral ist tot, es leben die Moralisten!

Ich muss allerdings zugeben, dass ich in mancherlei Dingen etwas antiquierte Vorstellungen habe. So bin ich unter anderem ein überzeugter Proponent der "Neuen Ritterlichkeit". Der Erfolg gibt mir darin allerdings recht. Letztens, als ich gerade mit einer roten Rose von einem Treffen mit meiner Holden zurückkehrte (sie hatte mich gebeten, die Blume mitzunehmen und aufzubewahren), begegneten mir im Bus zwei junge damen. Diese sprachen mich umgehend auf den Liebesgruß in meiner Hand an und wollten mir gar nicht glauben, dass ich diese Rose tatsächlich für meine Freundin gekauft hatte. Sie hielten es nicht für möglich. "Dass es so etwas heute noch gibt..!" Ich beharrte aber darauf, nicht ohne zu betonen, dass es sich dabei doch wohl um eine reine Selbstverständlichkeit handle. Am Ende konnte ich sie von meiner Ehrlichkeit und Ritterlichkeit überzeugen. Sie sahen mich wie einen Außerirdischen an, nicht ohne dabei Lobeshymnen über mein Haupt zu ergießen...

Moralisches, galantes, charmantes Verhalten wird honoriert. Zugegeben, nicht immer. Aber oft genug. Es "lohnt".

Polly Pocket hat gesagt…

Das Überreichen einer Rose hat mit tiefgründig gelebter Moral weniger zu tun als mit dem eigenen Egoismus. Schöne dumme Jugend!

pseudopoet hat gesagt…

Das wollte ich noch ergänzend bemerken. Man tut Gutes nicht, weil oder damit es sich lohnt. Um seiner selbst willen, keine Frage. Aber um einen an der Moral (Ver)Zweifelnden vom Wert oder sagen wir vom Vorzug der Moral zu überzeugen, muss man auch diesen "Nutzen-Aspekt" in Betracht ziehen.

Abgesehen davon halte ich das genannte Beispiel für keine rein egoistische Handlung. Moralisch ist sie auch nicht primär. Aber gibt es nicht einen Zusammenhang zwischen Höflichkeit, Entgegenkommen, Respekt, Ehrerbietung und Moral? Meiner bescheidenen Meinung nach: ja.

Sally Cinnamon hat gesagt…

Dekorum.

Ich ziehe die Aufrichtigkeit vor, die ist weniger bequem, selten wirklich hübsch, aber im Rahmen des "Erkenne Dich selbst" erspart die einem den Brechreiz.

pseudopoet hat gesagt…

Aufrichtigkeit, Aufrichtigkeit über alles. *unterschreib*

Polly Pocket hat gesagt…

Moral und Erziehung sind vermutlich alte Verwandte. Ich halte die Moral aber dennoch für das höhere Gut, weil sie selbstgewählt und im besten Fall sogar noch überdacht, angezweifelt und überarbeitet wurde. Erziehung passiert einem. Da kann man Glück wie Pech haben. Selbst die vermeindlich "gute Erziehung" schließt unmoralisches Verhalten nicht aus. Ich gehe sogar so weit zu sagen: eher im Gegenteil! Unter dem Deckmantel der Höflichkeit werden oft die schlimmsten Verbrechen begangen, weil sie sich für moralisch überlegen hielt. Oder wie war das mit den Kriegen?! Wurden die von der wilden Unterschicht angezettelt? Eben...

Sally Cinnamon hat gesagt…

Ich würde sagen, wir hören damit jetzt auf. Am Wochenende geht die Bundesliga wieder los. Ohne Herrn Özil zwar, aber trotz allem. Und da gilt auch weiterhin (in echt, wie virtuell): Hier regiert der FCU!