Sonntag, 14. Juni 2009

Aber hier leben, nein danke.

Seit Freitag Abend bin ich in der Provinz. Dinge die ich eigentlich schon wusste sind dabei wieder mit aller Deutlichkeit zu Tage getreten. Der Nachbar stellt am Freitag Abend sehr treffend fest, dass – abgesehen von ein paar löblichen Ausnahmen – die meisten Anwesenden einen Horizont "von hier bis zum Feuer" haben. Ich schnappe Gesprächsfetzen aus dem Umkreis auf, und trete stellvertretend ein paar Schritte näher ans Feuer ran, um zu sagen "Jetzt kommt´s hin.". Zudem habe ich das Gefühl, dass auch die schlechten Frisuren – vor allem bei den Mädchen – in den Provinzen Ostdeutschlands nahezu inflationär vertreten sind (für ländliche westdeutschen Gegenden kann ich das aus Mangel an direkten Beziehungen nicht wirklich sagen). Ich frage mich, wer sich zum Beispiel diese Frisur ausgedacht hat, bei der man über dem schwarzen oder dunkelroten mittellangen Haar eine Kappe Wasserstoffblond trägt, und warum dieser Mensch nicht auf der Stelle standrechtlich erschossen wurde. Außerdem wird auch das Konzept "Strähnchen" oft und nur zu gern zu einem wirklich nicht mehr ansehnlichen Extrem getrieben. Es drängt sich mir die Frage auf, ob man auch dafür die Langeweile verantwortlich machen kann. Nichtsdestotrotz steigen die Twens in Ihre Audis und BMWs, um zu ihren Einfamilienhäusern voller Finke-Möbel zu fahren, und hinter der Hand über mich, mein Mobiltelefon aus dem letzten Jahrtausend und meinen prekären Lebensstil zu lachen. Fair enough!

Am Samstag bin ich zur Geburtstagsfeier einer der löblichen Ausnahmen, nämlich meines jüngeren Bruders eingeladen. Nachdem der Wodka seine gewohnte Arbeit verrichtet, und mich meinem Umfeld gegenüber milder werden lässt, führe ich mit den fast noch Jugendlichen Hornby-esque Gespräche über Fußball und Popmusik. Zu späterer Stunde sehe ich mich bedingt durch meinen Altersvorsprung und meiner jahrelangen kosmopolitischen Lebensweise nicht nur in der Lage sondern in der Pflicht, den privilegierten anwesenden löblichen Ausnahmen die Welt zu erklären. Leider kann ich mich an das Gespräch nur bruchstückhaft erinnern, aber ich glaube es katapultiert mich in Nullkommanichts in die Position des Stargastes. Irgendwann als es schon hell ist, ruft mich mein Bett. Es ist diese seltsame Morgenstunde zwischen nichts und gar nichts. Ehe ich in einen tiefen traumlosen Schlaf falle, ist der Moment gekommen zu sagen "Halleluja Berlin", man kann einfach nicht jeden Tag die Welt retten, aber man muss es wenigstens versuchen.

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