Donnerstag, 18. Juni 2009

Im Einkaufszentrum des Grauens

In letzter Zeit gaukel ich mir selbst gern vor, dass ich mittlerweile über ein ordentlich ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfüge. Diese Annahme stellt sich jedoch mit schöner Regelmäßigkeit als Selbstbetrug heraus, besonders dann, wenn ich mutigen Herzens ein Einkaufszentrum betrete, um mir Kleidung oder Schuhe zu kaufen. Oft verlässt mich der besagte Mut schon am Eingang und wenn ich versuche mich zu orientieren: Da es mir unmöglich ist, länger als 30 Sekunden vor irgendeinem Schaufenster zu verharren, weil ich Angst habe angesprochen zu werden, muss ich oft mehrere Runden drehen, um die Geschäfte zu finden, in denen ich unbemerkt in der Masse untergehen kann, und die dann im besten Fall Dinge führen, die mir in irgendeiner Form nützlich sein könnten. Gut, dass H&M mit diesen großen roten Buchstaben deutlich auf sich aufmerksam macht. Dort bin ich dann auch am allerliebsten, und zwar nicht, weil ich von der Qualität oder den Mustern so beeindruckt wäre, sondern weil es groß und unübersichtlich, gleichzeitig aber nicht so abgefuckt wie C&A ist, und man von den Verkäuferinnen und Verkäufern (political correctness) meistens in Ruhe gelassen wird. Dass ich deswegen dann gekleidet bin, wie 85% meiner Generation nehme ich billigend in Kauf (außerdem reißt mein Gesicht das dann eh wieder raus, klar!).

Gestern war es also wieder so weit. Die Mission hieß Schuhe, der Tatort waren die Schönhauser Allee Arkaden, der Zustand ist mit „übermüdet und demotiviert“ am besten beschrieben, und um die Haare sah ich auch scheiße aus. Beste Voraussetzungen also, um das eingebildete Selbstwertgefühl an seinen angestammten Platz zu verweisen. Zunächst begebe ich mich flink zu den Schweden mit den großen Buchstaben, um Kraft zu sammeln, und muss dabei feststellen, dass die Sommermode dieses Jahr sogar noch schrecklicher ist als vergangenes. Oh nein! Warum sind die 80er eigentlich schon wieder zurück? Naja, zum Glück gibt es ja in Deutschland eh keinen richtigen Sommer. Ich atme tief durch, verlasse den Laden und gehe schnellen Schrittes die mittlere Etage entlang. Mein Ziel sind ein Paar Adidas Samba, und in den ersten 3 Läden werde ich zweimal von den Verkäufern angesprochen, was mich veranlasst „Ach, rumgucken…“ zu stammeln, und fluchtartig zu verschwinden. Im dritten gibt´s dann gleich mal gar keine Dreistreifenschuhe. Na toll. Plötzlich finde ich mich bei Thalia wieder und höre mich leise lachen. Ich bewundere einen kurzen Moment lang die schier unglaubliche Macht des Unterbewussten, nehme verträumt Boyds „Unser Mann in Afrika“ in die Hand, und denke „Wer braucht schon Schuhe?“. Ach ja, ich! Reiß Dich zusammen und leg das Buch weg! In den Schönhauser Allee Arkaden gibt es gefühlte 37 Schuhgeschäfte, und ich gehe in alle wenigstens kurz rein, wobei ich die meisten auch direkt wieder verlasse, entweder weil mich die Angestellten ansprechen, oder ich von den Farben und Formen verwirrt werde. Als großgewachsener Mensch hat man natürlich große Füße, und das ist als Frau ziemlich unangenehm, weil ab der 40 aufwärts einfach fast alles scheiße aussieht. Im 36. Schuhgeschäft finde ich ein paar Adidas Schuhe in meiner Größe. Es ist nicht das Modell Samba, aber was soll´s, sie sind runter gesetzt, und nach einem interessanten Moment des Kopfrechnens weiß ich, dass ich so 3 Flaschen Wodka mehr kaufen kann. Die werde ich nach diesem Nachmittag auch brauchen. Als ich in der S-Bahn sitze (ich kann die eine Station jetzt unmöglich zu Fuß zurücklegen), schaue ich auf die Uhr: Ich war genau 45 Minuten im Einkaufszentrum, und bin drauf und dran alle guten Vorsätze von wegen „kein Alkohol unter der Woche“ über Bord zu werfen. Ab jetzt wird im Internet eingekauft! Modern Life und so.

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